Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Therapie-Erfahrungen –
Zweifache Hormontherapie (ZHB/ADT2)

[Die hier geschilderten Therapie-Erfahrungen können keine statistische Aussage über Erfolg oder Misserfolg bei dieser Therapie liefern. Es handelt sich ausschließlich um Einzelerfahrungen.

Eine hervorragende Übersicht über die Erfahrungen zahlreicher Patienten mit diversen Behandlungsformen bietet die Seite myProstate.eu.

Ed]


Hans-Jürgen fragte am 11.10.2001:

Hallo Mitbetroffene und solche, die raten können oder Hinweise suchen. Mein Sohn hat mich auf Euren Dialog aufmerksam gemacht, und ich möchte gerne einen Beitrag leisten. Alter: 65. Am 20.6. Erstuntersuchung wegen starker Beschwerden beim Harnlassen, extremer Harndruck – starker Uringeruch (sehr peinlich) – nachts 5 x raus, dann nur ca. 0,1 l – Nachtröpfeln.

Ultraschall: sehr stark vergrößerte Prostata, alle Gewebeproben zeigen Carcinom-Zellen im Endstadium der Entwicklung, PSA 107 ng/ml.

Diagnose: mit Sicherheit Metastasen auf Grund des hohen PSA-Wertes,
Beratung: OP abgelehnt,
Behandlung: täglich 1 Tablette Casodex und 90-Tage-Spritze Trenantone
Am 8.7.: Knochenszintigramm, Ergebnis: Kein Befund (d. h.: keine Knochenmetastasen vorhanden).

Am 30.9. sehr gründliche Ultraschalluntersuchung. Ergebnis: Primärcarcinom auf die Hälfte geschrumpft, Metastasen nirgends auffindbar. PSA Wert: <0,1 ng/ml, d. h. das Gerät zeigt mindestens 0,1 ng/ml an, der gemessene Wert wird nicht angezeigt, liegt noch darunter. Vom gesunden Mann nicht zu unterscheiden.

Natürlich freue ich mich sehr, weil ich mich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch wieder gut fühle. Könnte es sein, dass selbst bei dem hohen PSA 107 ng/ml das primäre Carcinom noch keine Metastasen gebildet hatte?

Dazu schrieb Wil einen Tag später:

Eine deutliche Beschreibung. Bei einem bPSA von 107 ng/ml sind fast sicher Metastasen da in den Lymphknoten, obwohl sie noch zu klein sind, um sie mit einer bildgebenden Technik zu sehen. Jedoch Knochenmetastasen hast du offensichtlich nicht. Glück gehabt.

Du reagierst gut auf die Therapie, ein gutes Zeichen. Wie war der Gleason Score GS(x+y)?

Falls immer noch "nachts 5 x raus", dann getrocknete Rosinen essen, über den Tag verteilt.

Ralf schrieb am 14.11.2002:

per Zufall (ich suchte nach etwas anderem) stieß ich unter der URL http://www.uroonkologie.de/password/expert/pdf/forum12.pdf auf einen sehr interessanten längeren (16-seitigen) Aufsatz von Prof. Altwein und Dr. Mohandessi aus München mit dem Titel "Maximale Androgenblockade: Kontroverse und Kasuistiken" (als PDF-Datei).

Unter "Maximal" ist hier eine HB2 zu verstehen, das Wort "Proscar" kommt überhaupt nicht vor.

Der Aufsatz ist für Fachleute geschrieben und enthält dementsprechend Fachausdrücke, die nicht unbedingt jedem von uns auf Anhieb verständlich sind.

Ich habe den Aufsatz noch nicht im Detail studiert, aber auf den ersten Blick erscheint er mir sehr lesenswert.

"right" fragte am 18.5.2004:

Ich mache seit drei Jahren die 2HB und habe seit dieser Zeit einen PSA von weniger als 0,03 ng/ml. Mein Urologe wäre damit einverstanden, probeweise, bei monatlicher Kontrolle (PSA, Ultraschall), Casodex wegzulassen, jedoch Trenantone (vorerst?) beizubehalten.

Bringt dies etwas? Wer weiß Bescheid, hat evtl. sogar Erfahrung?

Manfred hatte Erfahrung. Am selben Tag antwortete er:

Ich mache die intermittierende Hormonblockade seit 5 Jahren. Immer 12 Monate zweifache HB mit Trenantone und Androcur (erst 3*1, dann 2*1 und wenn der PSA unter 1,0 ng/ml ist, 1*1). In der Pause lasse ich alles weg und warte ab, bis der PSA bis etwa 6 ng/ml (auf jeden Fall unter 10) angestiegen ist.

Jürg schrieb am 20.9.2005:

Vor einiger Zeit wurde angeregt, im Forum vermehrt PK-Geschichten zu publizieren, und zwar auch solche, bei denen nicht die DHB zur Anwendung kommt. Ich (geb. 1935) nehme nun, nachdem ich auf fünf Jahre seit meiner Diagnose zurückblicken kann, die Anregung auf und berichte über meine Erfahrung mit ADT2.

Vor September 2000 ließ ich ziemlich regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen durchführen, die sich auf digital-rektale Untersuchung (DRU) beschränkten und immer ohne Befund blieben. Wegen Haemospermie [Beimengungen von Blut im Sperma – Ed] erfolgte dann am 07.09.2000 neben der nach wie vor ohne Befund gebliebenen DRU erstmals eine Blutentnahme für PSA-Messung. Das Ergebnis war mit 206,8 µg/l recht unerfreulich; mein Hausarzt machte bei der Eröffnung des Resultats ein Gesicht wie ein gescholtener Dackel und „verschickte“ mich ohne Verzug zum Urologen.

Die ultraschallgeführte Biopsie ergab Gleason 5 (könnte ja auch 6 sein, meinte mein für jede Frage zugänglicher Uro), das Knochenszintigramm nichts Negatives, die Computertomographie dagegen zwei suspekte Lymphknoten im unteren Rückenbereich, die biopsiert wurden und sich als PK-befallen erwiesen. Kommentar des Urologen: In meinem Fall sei so ziemlich alles ungewöhnlich, so die Lage des PK in der Prostata wie auch jene der befallenen Lymphknoten. Wobei er netterweise von Mikrometastasen nichts sagte; dass mit großer Wahrscheinlichkeit jede Menge davon irgendwo hängen geblieben waren, das lernte ich erst via Internet, vor allem dank KISP und BPS.

Ab Oktober Therapie mit Casodex 50 und (leicht verzögert) Zoladex 10,8 mg Depotspritzen alle drei Monate; zusätzlich Vitamin E 600 und Selen 40 µg/Tag.

Im Januar 2001 war PSA auf 2,42 gefallen. Mit den Zwischenstufen 0,9 und 0,46 „landete“ ich im Dezember 2001 bei 0,21; Vitamin E wurde auf E 300 I. U. reduziert.

Der PSA-Nadir wurde mit 0,12 im August 2002 erreicht. Nach PSA 0,13 im Dezember 2002 wurde Selen auf 200 µg erhöht; die PSA-Werte stiegen danach in den üblichen Mess-Abständen von drei Monaten über 0,16 im März 2003 auf 1,99 ein Jahr später. Von da an Einsatz von Wobe Mugos (2 Tabl./Tag). Die Messung vom Juni 2004 ergab einen leichten Rückgang des PSA auf 1,91, doch im September 2004 waren wieder 2,14, drei Monate später 3,06 erreicht.

Im September 2004 wurde die Therapie mit Zometa-Infusionen ergänzt, und zwar in Abständen von drei Monaten zur Prophylaxe von Knochenmetastasen. Die weiteren Messungen ergaben zuerst einen leichten Rückgang, dann aber wieder einen Anstieg der PSA-Werte. Jetzt, im September 2005 stehe ich bei 3,24 mit einer PSAVZ von knapp 15 Monaten. Und bin damit rundum zufrieden, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich mit einer anderen Therapie vielleicht noch besser, eventuell aber auch weniger gut gefahren wäre.

Meine PK-Geschichte zeigt einerseits, dass ich auf die sog. Maximale Hormonblockade mit Zoladex/Casodex 50 gut angesprochen habe, andererseits aber, dass mein PK angesichts der steigenden PSA-Werte im Begriff ist, unter der bisherigen Behandlung aus dem Ruder zu laufen. Dabei liege ich aber durchaus noch in tiefen Bereichen, so dass mir eine rasche Anpassung noch nicht erforderlich scheint. Ich plane den Einsatz von hochdosiertem Ketoconazol plus Hydrocortison sobald die Messwerte für PSA 10 zu überschreiten drohen.

Körperlich und psychisch geht es mir seit der Diagnose unverändert gut. Um Nebenwirkungen wie Verlust der Libido (ist in meinem Alter und angesichts der verständnisvollen Haltung meiner Frau nicht so wichtig, wie es für jüngere Männer und ihre Partnerinnen sein kann), Hitzewallungen, Brustwachstum und ein gelegentliches kleines psychisches „Tiefdruckgebiet“ (mein Urologe verschrieb mir gleich zu Beginn der Behandlung ein Antidepressivum, wovon der größte Teil der Packung noch vorhanden ist) bin ich natürlich nicht herumgekommen, doch waren sie alle durchaus erträglich und beeinträchtigten meine Lebensqualität nur marginal.

Eine besondere Diät befolge ich nicht, war ich doch schon vor der Diagnose gewöhnt, abwechslungsreich mit viel Gemüse zu essen. Immerhin sorge ich dafür, täglich via Tomaten (Extrakt, Pizza, Sauce usw.) zu einer genügenden Portion Lycopin zu kommen.

Wie es weitergeht, das steht natürlich in den Sternen. Ich bin aber schon sehr glücklich darüber, dass ich dank ADT2 trotz einer wenig günstigen Ausgangslage fünf praktisch beschwerdefreie Jahre erleben durfte.

Auf entsprechende Anfragen trug Jürg einen Tag später die folgenden Ausführungen nach:

(1) Zuerst die Fakten. Tatsächlich sind von der Diagnose bis zum definitiven Entscheid über die Therapie nur drei Wochen, bis zum vollen Therapieeinsatz vier Wochen vergangen. Das habe ich der ausgezeichneten Zusammenarbeit zwischen meinem Hausarzt, dem Urologen und der Klinik zu verdanken. So organisierte der Hausarzt nach der Eröffnung des PSA-Wertes die erste Konsultation beim Urologen und in Absprache mit ihm die Termine bei der Klinik für CT und Szinti – alles in meiner Gegenwart. Zudem erwies sich der Urologe als sehr flexibel; er fand immer noch ein „Loch“, und sei es über Mittag, in seinem Terminkalender.

Zur Therapie: Nun ja, da gab es eigentlich gar nicht viel zu diskutieren. Natürlich hatte ich mich bis zum Vorliegen des Resultats der Lymphknotenbiopsie (die übrigens die Heikelste aller dieser Untersuchungsmassnahmen war), nicht nur mit meinem Urologen unterhalten, sondern auch im Internet nächtelang „geforscht“. So war es mir rasch klar, dass angesichts der Metastasierung nur eine ADT in Frage kommen konnte. Und da war es mein Uro, der entgegen der damals auch in der Schweiz noch vorherrschenden Theorie der Monotherapie eine ADT2 vorschlug. Was mir in den Kram passte, da ich bei meinen Ausgangswerten nicht an eine ADT3 zu denken wagte. Der Rest ist, wie Du richtig schreibst, Glück, z. B. Gleason-Score…

Nun das philosophisch angehauchte Schwänzchen: Sitzt man in der Tinte, dann hat man zwei Möglichkeiten. Man kann sitzen bleiben und bedrückt die dunkelblauen Wände des Tintenfasses betrachten – oder aber aufstehen, wobei die Füsse natürlich immer noch in der Tinte stecken, die Augen aber nach Blümchen Ausschau halten können. Ich habe mich entschlossen, aufzustehen, wozu gewiss kein Mut gehört. Wohl aber eine gewisse Kampfbereitschaft.

Ich betrachte den PK als Herausforderung, gegen die zu kämpfen in einem gewissen Sinn faszinierend ist. Dabei spielt es – aus meiner Sicht – aber eine große Rolle, wie alt man ist. In jungen Jahren ist es viel schwieriger, mit einer Krankheit umzugehen, welche die Sexualität aufs Abstellgleis schiebt und schlimmstenfalls tödlich verlaufen kann, als wenn man, wie ich damals, 65 Jahre alt ist. In diesem Alter sollte man ohnehin daran denken, dass man eine begrenzte Lebenserwartung hat und über kurz oder lang abtreten muss (oder auch darf).

Nun sind seit meiner Diagnose fünf Jahre vergangen, und das Gefecht ist immer noch unentschieden – mit dem Vorteil auf meiner Seite, dass der PK wenig echte Fortschritte machen konnte, und dass ich immer noch Kampftruppen in Reserve habe.

Auf jeden Fall werde ich Deinen Rat befolgen, liebe Elke, und meinen PK freundlich einladen, er möge sich in Sachen PSAVZ [PSA-Verdoppelungszeit – Ed] nicht so sehr beeilen…

Vielen Dank für Deine guten Wünsche, die auch für alle anderen Betroffenen und damit für ihre Angehörigen, vor allem auch für die Frauen, Freundinnen, Töchter und Enkelinnen, die in diesem Forum so tapfer um Hilfe kämpfen, gelten mögen.

(2) Tatsächlich mache ich die ununterbrochenen ADT2. Dass Casodex seine Wirkung umkehren kann, ist mir natürlich bekannt; allerdings betrachte ich geringfügiges Ansteigen im tiefen PSA-Bereich, unterbrochen durch PSA-Rückgänge, nicht als so alarmierend, dass ich auf Casodex verzichten möchte. Sollte sich die gegenwärtige PSAVZ deutlich verringern, dann müsste ich es natürlich mit Absetzen von Casodex versuchen.