Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Therapie-Erfahrungen – Salvage-Lymphadenektomie

[Die hier geschilderten Therapie-Erfahrungen können keine statistische Aussage über Erfolg oder Misserfolg bei dieser Therapie liefern. Es handelt sich ausschließlich um Einzelerfahrungen.
Eine hervorragende Übersicht über die Erfahrungen zahlreicher Patienten mit diversen Behandlungsformen bietet die Seite myProstate.eu.
Der Begriff "Salvage-Behandlung" oder "Salvage-Therapie" (svw. "Rettungs-", "Auffang-Theapie") ist nicht klar definiert. Es kann ein zweiter, dritter oder auch ein letzter Versuch einer wirklichen Heilung (kurativen Therapie) sein nach Versagen einer oder mehrerer vorangegangenen Behandlungen.
Eine "Salvage-Lymphadenektomie" ist der Versuch, einen PSA-Wiederanstieg nach einer „kurativ-intendierten Therapie“, durch das Entfernen nachgewiesenermaßen befallener Lymphknoten endgültig zu heilen. Dies ist ein sehr häufig vorkommender Eingriff.
Ed]

PeterAS schrieb am 17.8.2015:
ich hatte mich vor etwa einem halben Jahr hier in diesem Forum nach Erfahrungen mit der Entfernung befallener Lymphknoten erkundigt. Es gab nur eine relativ geringe Zahl an Rückmeldungen, so dass diese Therapie offensichtlich nur ein Nischendasein fristet. Ich habe mich nun vor kurzem selbst einer solchen Operation unterzogen und möchte über meine eigenen Erfahrungen berichten. Die Operation wurde von Prof. Schultze-Seemann an der Universitätsklinik in Freiburg durchgeführt. Ich hatte mich für diese Therapie entschieden, weil mein PSA-Wert innerhalb der letzten 13 Jahre nach der Prostatektomie auf 12,6 gestiegen war und ich eine Antihormontherapie nicht wollte.
Das Aufspüren der Lymphknotenmetastasen erfolgte mit PSMA-Indium 111. Nach der Applikation dieses Tracers wurde das Becken dreimal nach verschiedenen Zeiten gescannt, um die Lage der Tumorherde zu erkennen. Die Operation erfolgte dann am Tag darauf. Drei befallene Lymphknoten konnten ausgemacht werden, entfernt wurden aber noch mehr. Ich habe die Zahl 33 in Erinnerung, habe aber in den mir ausgehändigten Unterlagen nichts dazu gefunden. Ein wichtiger Befund war, dass offensichtlich eine Samenblase bei der Prostatektomie nicht vollständig entfernt wurde und diese auch stark befallen war. Das ist umso erstaunlicher, als meine Prostataloge vor 9 Jahren bestrahlt wurde und dieses Lokalrezidiv eigentlich dadurch unschädlich gemacht sein sollte. Nach der jetzigen Entfernung dieses Herdes waren die Schnittränder positiv, so dass die Tumorzellen dort nicht vollständig entfernt werden konnten.
Trotzdem werte ich die Operation als vollen Erfolg. Der PSA-Wert, gemessen 6 Wochen nach der Operation, fiel auf 0,06 ng/ml zurück. Das ist ein Faktor von 200 gegenüber dem Wert vor der Operation. Oder anders ausgedrückt, 99,5 % der Tumormasse konnten entfernt werden. Einen Wert von 0,06 hatte ich vor etwa 10 Jahren, also 2 Jahre nach der Prostataentfernung. Vielleicht ist ja die Uhr um diese Zeit zurückgestellt worden, was mein Prostatakarzinom anbelangt. Diese Therapie wäre dann wahrscheinlich nachhaltiger als eine Antihormonbehandlung, zumal sie auch wiederholt werden könnte, sofern sich noch keine Knochenmetastasen gebildet haben und sich die Lymphknotenmetastasen auf den Beckenraum beschränken.
Die Lymphadenektomie sieht noch eine Nachbehandlung durch Bestrahlung vor, um Mikroherde zu erfassen, die durch die Operation nicht entfernt werden konnten. Aufgrund des positiven PSA-Wertes werde ich aber erst einmal auf diese Maßnahme verzichten, zumal das Lokalrezidiv an der Samenblase schon eine Bestrahlung hinter sich hat und nicht ein zweites bestrahlt werden kann.
RolandHO hatte dazu am selben Tag eine Frage:
Das ist ja wirklich eine erfreuliche Erfolgsgeschicht zum Thema Lymphadenektomie. Meine zwei Fragen dazu: Könntest du noch etwas Genaueres zur Bildgebung sagen? Insbesondere zum Scannen des Beckens nach verschiedenen Zeiten, ist das ein Standardverfahren oder eine Besonderheit an der dortigen Klinik? Und: Hast du bisher Probleme, die aus der Entfernung der Lymphknoten herrühren wie Lymphödeme und wie wird dem evtl. vorgebeugt?
Auf jeden Fall Glückwunsch zu deinem Weg und auch ich hoffe, dass die Zeit so für dich um 10 Jahre zurückgedreht wurde.
Ebenso WernerJ:
Ich bin mir gar nicht so sicher, dass wir mit der Lymphadenektomie so sehr in eine Behandlungsnische fallen. Ich bin schon seit einigen Jahren (siehe mein Profil) mit meinen befundeten LK in Behandlung, auch mittels Lymphadenektomie. Diese hat allerdings nicht den durchschlagenden Erfolg gehabt wie bei Dir. Ich denke, mit der technisch rasanten Entwicklung der Diagnoseverfahren (insb. PSMA PET/CT) wird man auch die darauf aufbauenden diversen Behandlungsvarianten ebenso rasant weiterentwickeln. Wer möchte nicht die doch ziemlich belastende ADT so weit wie möglich hinausschieben.
Eine Frage: Hast Du die für die Lymphadenektomie erforderliche PSMA PET/CT erst bei einem PSA Wert von 12,6 machen lassen ? Dann hast Du ja ordentlich Nerven gehabt.
Ich bin gespannt auf Deine weitere "Erfolgsgeschichte" und drück Dir beide Daumen. Vielleicht kannst Du noch etwas mehr Infos in Dein Profil einstellen.
PeterAS antwortete noch am selben Tag:
hier noch einige Informationen zur Vorgeschichte und zum Verlauf meiner Operation. Die ersten Hinweise auf befallene Lymphknoten ergaben sich letztes Jahr auf Grund einer Cholin-PET/CT. Aber das Verfahren ist deutlich weniger genau als die PSMA-PET/CT und lieferte auch einen positiven Befund bei einem Lymphknoten im Brustraum. Zum Glück wurde das durch die im Frühjahr dieses Jahres durchgeführte PSMA-PET/CT nicht bestätigt, denn die befallenen LK sollten nicht über den Beckenraum hinausgehen. Den Hinweis auf die Möglichkeit einer Lymphadenektomie in Freiburg erhielt ich von einem Mitglied der Selbsthilfegruppe Rhein-Neckar; weder mein Urologe noch der Chefarzt des Klinikums Ludwigshafen, bei dem ich zur Beratung war, haben mich auf diese Möglichkeit hingewiesen.
Soweit ich gehört habe, hat Prof. Schultze-Seemann eine eigene Operationstechnik. Detektiert werden die befallenen Lymphknoten mit Indium111-dotiertem PSMA. In111 sendet gamma-Stahlen aus und hat eine Halbwertszeit von nicht ganz 3 Tagen. Die Infusion des Tracers erfolgte montags, gescannt wurde dann nach 1 Stunde, 4 Stunden und etwa 24 Stunden. Warum diese Zeitabhängigkeit durchgeführt wurde, weiß ich nicht. Jedenfalls wurde das Becken einmal in Längsrichtung gescannt und einmal radial. Der Detektor wurde also einmal ganz um den Körper herumgeführt. Das bedeutete etwa 45 min regungslos liegen bleiben, was nicht ganz angenehm ist. Die Operation war dann mittwochs. Wegen der relativ langen Halbwertszeit war auch zu diesem Zeitpunkt noch ausreichend Radioaktivität im Körper und die Krebsherde konnten mit einem geeigneten Sensor (wahrscheinlich so etwas Ähnliches wie ein Geigerzähler) aufgespürt werden. Vielleicht ist das das Geheimnis, dass so viel Tumormasse entfernt werden konnte.
Die erste Nacht nach der Operation war sehr unangenehm, zumal ich mir für die Operation den heißesten Ort Deutschlands und die heißesten Tage im Jahr ausgesucht hatte (Anfang Juli). Die Augen waren stark verquollen und auch der Hals (vor allem das Zäpfchen) waren stark angeschwollen, wahrscheinlich wegen der Intubation für die Narkose. Aber das war nach wenigen Tagen wieder fort. Auch Penis und Hoden erreichten eine beachtliche Größe. Aber zwei Tage nach der Entlassung, die donnerstags in der folgenden Woche stattfand, war alles wieder auf Normalmaß geschrumpft. Ich kann eigentlich sagen, dass ich beschwerdefrei bin. Wenn bei manchen Bewegungen die Blase etwas unsanft gedrückt wird, geht schon mal ungewollt etwas Urin ab. Aber nach der Prostatektomie war dieser Effekt deutlich stärker und hat sich dann vollständig zurückgebildet. Deshalb glaube ich, dass diese Mini-Inkontinenz auch nur vorübergehend ist.
WernerJ hatte dann noch einen Hinweis:
Übrigens gibt es zu diesem Verfahren auch noch eine weitere Anlaufstelle, nämlich die Münchner Uniklinik rechts der Isar, Dr. Tobias Maurer.
Siehe http://www.mriu.de/aktuelles.html
Zitat:
"Hierbei können nach präoperativer radioaktiver Markierung mittels PSMA-Liganden Lymphknotenmetastasen des Prostatakarzinoms intraoperativ mittels Gammasonde durch visuelles 3D-Tracking sowie akustisches Feedback exakt lokalisiert und entfernt werden. Dieses Verfahren stellt gerade bei sehr kleinen, sonst nur schwer auffindbaren Lymphknoten eine wesentliche Erleichterung und Verbesserung dar."
Dieses Verfahren wäre möglicherweise auch bei meiner – ziemlich – misslungenen Lymphadenektomie in Aachen erfolgversprechender gewesen (insbesondere wohl bei einer OP im vorbestrahlten Bereich wie bei mir).
Am 20.11.2015 Lieferte PeterAS einen Statusbericht:
Ich habe jetzt drei Monate nach dem letzten PSA-Test und vier Monate nach meiner Lymphadenektomie diesen Wert erneut messen lassen. Das Ergebnis war 0,0 ng/ml. Das ist ermutigend. Ein erneutes Tumorwachstum ist bis jetzt nicht nachweisbar (es ist natürlich auch ein bisschen früh für eine eindeutige Aussage). Allerdings hat sich meine leichte Inkontinenz entgegen meinen Erwartungen nicht gebessert. Aber ich kann (und muss wohl) damit leben.
Und am 26.2.2017 den nächsten:
Es ist schon eine Weile her, dass ich über den Verlauf meiner Pelvine Salvage Lymphadenektomie berichtet habe. Ich fühle mich zur Zeit gesund und leistungsfähig und so vergesse ich leicht, dass andere Betroffene an meinem Wohl und Wehe interessiert sind. Hier ein paar neuere Informationen aufgrund eines entsprechenden Hinweises.
Ich bin seit meiner Operation in halbjährigem Abstand zum Urologen zur Verlaufskontrolle gegangen. Etwas überraschend für mich war, dass die Verdopplungszeit meines PSA-Wertes von etwas über einem Jahr auf etwa sechs Monate geschrumpft ist. Direkt nach der OP war der PSA-Wert 0,06, im Januar letzten Jahres 0,11 und im Juni schon 0,23. Im letzten Monat blieb er aber konstant und wurde mit 0,2 gemessen. Mal sehen, ob das eine dauerhafte Verlangsamung ist. Der schnellere Anstieg hatte mich schon beunruhigt und ich habe mich deshalb im letzten August in Freiburg beraten lassen. Frau Dr. Jilg empfahl mir, abzuwarten, bis der PSA-Wert bei 0,7 bis 1,0 ng/ml ist und dann erneut ein PSMA-PET-CT machen zulassen. Falls dann Tumor-Herde sichtbar sind, sollten sie gezielt bestrahlt werden. Von einer zweiten Lymphadenektomie hat sie abgeraten.