Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Therapie-Erfahrungen – Kryotherapie

[Die hier geschilderten Therapie-Erfahrungen können keine statistische Aussage über Erfolg oder Misserfolg bei dieser Therapie liefern. Es handelt sich ausschließlich um Einzelerfahrungen.

Eine hervorragende Übersicht über die Erfahrungen zahlreicher Patienten mit diversen Behandlungsformen bietet die Seite myProstate.eu.

Ed]


Ralf schrieb am 22.1.2005:

Etwa Mitte vergangenen Jahres erhielt ich eine Mail von einem PK-Patienten David aus England, der anfragte, wo in Deutschland eine Kryotherapie der Prostata angeboten wird. Ich wusste es nicht und stellte die Frage ins Forum. Hansjörg Burger hatte eine Liste, die er mir zuschickte, und ich schickte sie nach England weiter (ich habe diese Liste jetzt gerade auf den KISP-Server geladen mit einem Link in den "Texten"). Ich hörte dann nichts mehr von David.

Ende des Jahres schrieb ich ihn aus Neugier an und fragte, wie alles gelaufen sei und wie es ihm gehe.

Er schickte mir daraufhin einen ausführlichen und lebhaften Bericht, den ich übersetzt habe und Euch nicht vorenthalten möchte, und der natürlich als Erfahrungsbericht zur Kryotherapie in den Forumextrakt wandern wird. Hier ist er:

"Kryochirurgie

Ok, es ist medizinisch ziemlich detailliert. Hauptsächlich wurde ich betäubt, Vollnarkose, aber sie boten eine Rückenmarksanästhesie an. Ich hätte schon gern dabei zugeschaut, aber ich hatte nicht den Mut, es zu versuchen.

Man wird wie ein Hähnchen hochgebunden, wie zu einer Entbindung, die Knie an die Brust gedrückt. Sie führen durch ein Gitter von Führungslöchern in einer Metallplatte, die man zwischen den hochgebundenen Beinen hat, eine Reihe von Nadeln ein. Die Hoden werden hochgebunden, damit sie nicht gequetscht werden. Durch das Lochraster in dieser Platte werden jetzt Nadeln durch das Perineum gestochen (den Raum zwischen dem After und den Hoden), genau in die Prostata. Die Anzahl der Nadeln hängt von der Größe der Prostata ab.

All dies geschieht unter permanenter Ultraschallüberwachung. Die Ultraschallsonde wird in das Rektum eingeführt, damit man ein gescheites Bild bekommt (mit Bauch-Ultraschall ist die Prostata nicht genau genug zu sehen).

In die Nadeln wird Argongas geleitet, was bewirkt, dass sich innerhalb der Prostata Eiskügelchen bilden und ihre Temperatur an der Peripherie auf -40 °C sinkt, und anscheinend -140 °C im Zentrum. Durch die Kälte wird das Gewebe – und damit hoffentlich die Krebszellen – abgetötet.

Es ist wesentlich, dass außer der Prostata nichts gefriert. Die Prostata umgibt die Harnröhre. Ganz besonders müssen die Blase, die Samenblasen und das Rektum im Auge behalten werden.

Zum Schutz der Blase wird ein aus zwei konzentrischen Röhren bestehender Katheter in den Penis eingeführt, durch den warmes Wasser zirkuliert, das die Blase und die Harnröhre schützt. Das Rektum, in dem ja die Ultraschallsonde steckt, ist ein Problem, weil es nicht mit warmem Wasser gespült werden kann, und darum führen sie noch ein paar weitere Nadeln ein, in denen sich sehr feine Thermoelemente befinden, die die Temperatur überwachen. Sie schafften es, während meiner Behandlung drei davon kaputt zu kriegen, und darum hat es statt der geplanten drei 4½ Stunden gedauert, während sie jemanden zu einem anderen Krankenhaus schickten, um Ersatz zu besorgen.

Am Ende einer bestimmten Gefrierzeit (30 Minuten, glaube ich) wird man wieder aufgewärmt – und dann wird die ganze Prozedur wiederholt.

Wenn man alles hinter sich hat, ist man um den Anus und das Perineum herum ganz schön wund. Was sie nicht wirklich schützen können, ist das Nervensystem in der Gegend, und keiner weiß so richtig, was dabei kaputt geht, und WENN es kaputt ist, was sich selbst regeneriert. Man bekommt Medikamente, die die glatte Muskulatur des Blasenabflusses entspannen, damit man leichter Wasser lassen kann. Ich habe das jetzt seit einem Monat hinter mir, und der Strahl ist immer noch nicht so, wie er mal war. Es ist auch schwierig, das Wasser zu halten. Wenn die Blase ein bisschen zu voll ist, fängt sie an zu tröpfeln und ich habe keine Zeit mehr, eine Toilette zu erreichen. Dieses Tröpfeln ist unvermeidlich, trotzdem finde ich es erniedrigend, obwohl ich weiß, dass es eine vorübergehende Sache ist. Niemand sagt Dir, dass das Herz auch ein glatter Muskel ist, das heißt, die Medikamente entspannen es auch, und man wird müde.

Die Blase braucht eine Weile, um wieder zu arbeiten, und darum kriegt man einen suprapubischen Katheter gelegt (das Röhrchen wird vom Unterbauch her direkt in die Blase gelegt). Das war für mich das Schlimmste. Als ich in der Klinik noch im Bett lag, machte es mir nichts aus, dass der Urin in einen Beutel am Bettrand lief. Aber als ich vom Tropf los kam und aus dem Bett aufstehen konnte, kam der Beutel mit. Ich bin damit sogar nach Hause gefahren, weil sie nicht wissen, wie lange es dauert. Entscheidend ist, dass sich die Blase vollständig über den Penis entleert und nichts drin bleibt. Woher soll man das wissen? Solange man man dem Apparat herumläuft, uriniert man ganz normal in einen Messbecher. Wenn man fertig ist und die Menge notiert hat, öffnet man ein Ventil am Katheter und lässt den restlichen Urin in diesen Becher laufen. Zuerst kam auf diese Weise noch eine ganze Menge. Nach drei oder vier Tagen gab es kaum noch einen Rest, der Katheter konnte entfernt werden. Die Gegend, wo das Röhrchen aus dem Bauch austritt, ist ziemlich wund, nässt, es ist grauenvoll. Es war so eine Erleichterung, es los zu werden! Einer der schlimmsten Momente in dieser Zeit war jedesmal, wenn der letzte Urin aus dem Katheter gelaufen war. Dann passiert ein regelrechter Saughebereffekt, so dass man für eine tausendstel Sekunde durch den Penis Luft ansaugt. Das war schmerzhaft, und jedesmal, wenn ich musste, wusste ich vorher, was passieren würde. Man erwartet von dir, dass du viel trinkst, um das System durchzuspülen, um die Medikamente aus dem Körper zu spülen – und dadurch muss man oft urinieren.

Was noch passiert, ist, dass das abgestorbene Prostatagewebe abgebaut werden muss. Der Hauptteil davon scheint irgendwie vom Körper absorbiert zu werden, aber einige Stückchen kommen aus dem Penis. Nicht gerade ein angenehmes Gefühl, nicht so flüssige Fremdkörper da drin zu haben, aber andererseits wenigstens keine scharfen Nierensteine.

Drei Monate nach der Prozedur wurde mir für einen PSA-Test eine erste Blutprobe abgenommen. Sie kam mit einem Ergebnis von 0,05 zurück – fast unmessbar!!!! Und brachte große Erleichterung. Momentan können wir davon ausgehen, dass der Krebs ausgemerzt worden ist, obwohl ein nagender zweifel bleiben wird – vor fünf Jahren war ich nach der Brachytherapie zu dem selben Schluss gekommen, als das PSA auf 0,8 gefallen war.

Jetzt ist die einzige Irritation, dass die Nähe einer Toilette mein Leben bestimmt. Wenn die Blase der Meinung ist, dass sie jetzt geleert werden müsste, dann MUSS ich sofort gehen, oder ich riskiere einen nassen Fleck. Ich habe die Muskelkontrolle noch nicht wiedergewonnen, die ich mein ganzes Leben lang für selbstverständlich gehalten hatte – die Fähigkeit, der Blase zu sagen, dass sie zu warten hat, weil ich im Moment etwas anderes zu tun habe.

Mein Chirurg hat mir versichert, dass dies besser werden wird – aber wann? Ich laufe nicht aus, wenn ich sicherstelle, dass ich die Blase leer mache, bevor sie entscheidet, dass es so weit ist, sagen wir alle zwei Stunden. Unter dem Strich ist das eine kleinere Irritation, aber sie ist da."

Ralf reichte am 6.2.2005 die ihm von David mitgeteilte Prostatakrebshistorie (PKH) nach:

PKH von David (1937)

PK-Diagnose 10/1998 in relativ frühem Stadium: T2bN0M0, PSA 9,1, GS 3+3, Tumor auf die Drüse begrenzt. Nach Davids Meinung war er damit ein idealer Kandidat für alle Behandlungsmethoden.

10/1998 MRT des Beckens: Wahrscheinlich beidseitiger Befall, Unsicherheit, ob bereits Kapseldurchbruch, Samenblasen normal, Befund: T2bN0M0.

1/1999 Implantation von 71 Seeds mit I-125 im Cookridge Hospital, Leeds, England.

PSA-Verlauf:

14 Okt 98 10,8
20 Okt 98 9,1
12 Dez 98 8,66
Jan 1999 Brachytherapy
22 Sep 99 1,7
8 Dez 1999 3,2 (nach meiner – d. h. Ralfs – Meinung ein typischer PSA-Bump)
? ? ? 2,7 (Datum unleserlich)
4 Juli 2000 2,2
30 Sep 2001 0,8
13 Feb 2002 0,9
7 Aug 2002 1,4
29 Jan 2003 2,0
29 Jul 2003 2,4
5 Dez 2003 3,2
21 Mai 2004 3,0
Sep 2004 Kryotherapie in Köln (Klinik am Ring)
06 Dez 2004 0,05

Nach meiner Meinung ein ganz hervorragendes Ergebnis, das uns zweierlei lehrt: (1) Selbst die 71 Seeds haben nicht alle Krebsherde abzutöten vermocht. (2) Der Krebs war zum allergrößten Teil, wenn nicht sogar vollständig, auf die Drüse begrenzt und die Kryotherapie hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt. Es ist David zu wünschen, dass er sich irgendwann in ferner Zukunft mit eben diesem PSA-Wert aufs Totenbett legt.

Ich habe David gefragt, was eigentlich aus seinen 71 Seeds geworden ist, da sich das schockgefrorene Prostatagewebe ja inzwischen aufgelöst haben und vom Körper entsorgt worden sein müsste. Mit dieser Frage habe ich wohl nunmehr ihn kalt erwischt. Er weiß es nicht und vermutet, dass vielleicht die leere Prostatakapsel übriggeblieben ist, und dass die Seeds darin herumklimpern (meine Interpretation). Er will den Arzt fragen.