Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS
Frido fragte am 23.3.2005:
Wer kennt die Adresse und weiß Näheres über eine besondere Bestrahlung aus USA (nur in München möglich), wobei man vorher in Holland (Utrecht?) eine genaue Untersuchung machen lassen sollte?
Dieter V. antwortete am selben Tag:
du meinst sicher das neue Rinecker Proton Therapy Centers in München, Telefon 089-660680 (http://www.rptc.de).
Protonenstrahlen sind - zumindest theoretisch - erheblich nebenwirkungsärmer als die sonst angewendeten Photonenstrahlen (3-D-konformale Strahlentherapie oder IMRT).
Photonenstrahlen geben gleich nach dem Eintritt in den Körper die höchste Strahlendosis. Die Strahlendosis nimmt dann ab und hat im Tumorbereich – je nach Tiefe – nur noch einen Teil der Wirkung. Auch im weiteren Verlauf wird noch abnehmend weitere Strahlung wirksam. Nur durch 3- oder mehrdimensionale Bestrahlung aus verschiedenen Richtungen entsteht im Focus der Strahlen – im Tumor – eine ausreichend hohe summierte Gesamtwirkung. In jedem Falle ist eine beachtliche Schadstrahlenwirkung im gesunden Gewebe nicht zu vermeiden.
Die Protonenstrahlen treten mit niedriger Strahlenwirkung in den Körper ein. Mit der Abbremsung der Protonen im Gewebe wird die Strahlung zunehmend wirksamer. Am Endpunkt der Reichweite der Strahlen – im Tumorbereich – erfolgt ein schneller und starker Anstieg der Strahlenwirkung – genau da, wo man sie wünscht. Anschließend geht die Strahlenwirkung schnell auf Null, so dass hinter dem Tumor keine Strahlen mehr wirksam werden. Das schont den Darm und andere Körperteile.
Somit kann mit Protonenstrahlen der Tumor räumlich punktgenau bestrahlt werden. Der Tumor wird hierbei punktförmig abgerastert (ähnlich wie ein Fernsehbild auf dem Fernsehschirm).
Auch die Protonenstrahlen werden jeweils aus mehreren Richtungen abgegeben.
Diese neue Klinik, das Rinecker proton Therapy Center, soll ab April den Betrieb aufnehmen. Telefon siehe oben.
Mit einigen gesetzl. Krankenkassen sind bereits Kostenübernahmevereinbarungen getroffen worden (u. a. AOK Bayern) Die Kosten für Privatpatienten liegen zwischen 25.000 und 30.000 €.
Die Protonenstrahlentherapie dürfte gegenüber OP und Strahlentherapien diejenige Therapie sein mit den geringsten Nebenwirkungen.
Aber auch die Protonentherapie ist eine lokale Therapie, die nur lokal wirkt, also nicht auf eventuell vorhandene Mikrometastasen wirkt. Letztere sind aber sehr oft die Ursache für einen späteren erneuten PSA-Anstieg.
Ich persönlich würde mich aber daher erst einmal hier in den Internetseiten des BPS - www.prostatakrebs-bps.de und KISP www.prostatakrebse.de umsehen – Diagnosemöglichkeiten und Therapieoptionen einschließlich der Dreifachen Hormonblockade.
Vor jeder Therapieentscheidung steht eine sorgfältige Diagnose und Bewertung der Chancen und Risiken der Therapien.
Freddy ergänzte Dieters Antwort am selben Tag wie folgt:
Das neue Protonen-Therapie-Zentrum informiert auch sehr umfassend unter www.rptc.de. Mit dieser effektiven und im Vergleich nebenwirkungsarmen Behandlungsform wurden seit 1990 in Loma Linda, Kalifornien (http://www.protons.com/) mehrere tausend Leidensgenossen behandelt. Bei Verdacht auf fortgeschrittenen PK wird die Protonentherapie mit einer herkömmlichen (Photonen)-Bestrahlung kombiniert.
Auf Fridos zweite Frage antwortete Herbert am 24.3.2005:
Manfred schrieb am 31.3.2005:
Aus der FTD vom 31.3.2005 :
Gesundheitswirtschaft:
Krebs unter Protonen-Beschuss
Von Tobias Bayer, Hamburg
In München startet das erste privat finanzierte Bestrahlungszentrum.
Hans Rinecker kann über das öffentliche Gesundheitswesen nur den Kopf schütteln. "Kurzfristig eine staatliche Finanzierung auf die Beine zu stellen, ist unmöglich", klagt der Aufsichtsratsvorsitzende der Prohealth AG.
Der Münchner Arzt stieß bei der Verwirklichung seines Traums auf zähen Widerstand der Behörden. Rinecker will die Bestrahlung von Krebstumoren mit Protonen als Standard in Deutschland etablieren. Das von ihm ins Leben gerufene "Rinecker Proton Therapy Center-1" (RPTC-1) gilt als eines der größten privat finanzierten Medizintechnikprojekte in Deutschland.
In den USA vertraut bereits unter anderem die Harvard Medical School auf dieses Verfahren. Bei Protonen handelt es sich um Wasserstoffatomkerne, die mittels elektromagnetischer Felder auf bis zu zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden. Der Vorteil gegenüber der traditionellen Röntgenstrahlung: Die Protonen geben ihre gesamte Energie im Tumor ab und verschonen deshalb gesundes Gewebe.
Jahrelang scheiterte die Realisierung des Projekts an den hohen Kosten. Doch Rinecker hielt trotz mehrerer Rückschläge an seiner Idee fest. Mit Erfolg: Bald soll in München das 150 Mio. Euro teure RPTC-1 eröffnet werden. Die Genehmigung durch das Landesamt für Umweltschutz wird in den kommenden Tagen erwartet.
Das Geld für die Finanzierung stammt ausschließlich aus dem Privatsektor. Neben Rinecker selbst, der 15 Mio. Euro beigesteuert hat, sitzen noch die bayerische HypoVereinsbank, die WestLB und die Hannover Leasing mit im Boot.
Mehrere gesetzliche Krankenkassen haben bereits Versorgungsverträge zur Nutzung der Therapie abgeschlossen, darunter die AOK Bayern und der Landesverband der Betriebskrankenkassen Bayern.
Die Verträge umfassen bislang die Behandlung fast aller Krebserkrankungen. Doch die Liste der Indikationen könnte deutlich kürzer werden, je nach Votum des Gemeinsamen Bundesausschuss (G-Ba). Dieser legt für die gesetzlichen Krankenkassen fest, welche medizinischen Leistungen zweckmäßig sind. Der G-Ba prüft seit Mai 2002 die Wirksamkeit der Protonentherapie. Bis jetzt hat der Ausschuss bei zwei Indikationen grünes Licht gegeben. Fünfmal legte er sein Veto ein. Weitere Indikationen werden noch untersucht. "Es gilt der Verbotsvorbehalt, bis wir einen Beschluss fällen", sagte eine Sprecherin. Damit das Protonentherapiezentrum wirtschaftlich arbeiten kann, müssen mindestens 4000 Patienten pro Jahr dort behandelt werden. Sollte der G-Ba weiterhin bei seiner restriktiven Zulassungspraxis bleiben, könnte nach Ansicht von Branchenexperten auf lange Sicht die Wirtschaftlichkeit des Zentrums in Frage gestellt sein.
Reinardo schrieb am 11.5.2005:
Liebe Forumsteilnehmer, nachdem ein unglückliches Schicksal mich nach Berlin verschlagen hat, habe ich dort (1. Mittwoch jedes Monats) die Selbsthilfegruppe aufgesucht und mir einige Notizen gemacht, die vielleicht von allgemeinem Interesse sein könnten:
1) Es wurde ein Vortrag gehalten über die Protonen-Therapie. Diese kommt in Frage bei vorrangig auf das Organ begrenztem Krebs, hat zu 90 % keine Nebenwirkungen und normale PSA-Werte stellen sich ein 6 - 8 Monate, spätestens zwei Jahre nach der Therapie.
Sie wird nicht von den Ersatzkassen übernommen und kostet 45.000 bis 60.000 Euro, zzgl. Flug- und Wohnungskosten in den USA.
Worin der Vorteil gegenüber der intensitätsgesteuerten Bestrahlung liegt, ist mir nicht ganz klar geworden, kann aber sicherlich von einem anderen Forumteilnehmer ergänzt werden.
2) Es gibt eine von Prof. Noll durchgeführte Prüfung des Chromagranin, d. h. Prüfung des Krebses auf kleinzellige oder großzellige Beschaffenheit. Kleinzellige Krebse wachsen schnell und bilden auch zeitig Metastasen. Großzellige wachsen langsam.
Interessant ist, dass diese Prüfung nicht aus der Biopsie, sondern aus dem Blut erfolgt. Der Test kostet ca 50 Euro.
PaulEn beantwortete die Unklarheit bezüglich des Vorteils der Protonenbestrahlung einen Tag später:
der wesentliche Unterschied zwischen IMRT oder einer anderen Variante der Photonenbestrahlung und der Protonen- sowie auch der Schwerionenbestrahlung besteht darin, dass bei der Photonenbestrahlung sowohl das vor dem eigentlichen Zielgebiet liegende Gewebe (stark) als auch das dahinter liegende Gewebe (weniger stark) bestrahlt wird. Bei der Protonen- sowie bei der Schwerionenbestrahlung geben die Protonen bzw. Kohlenstoffionen ihre Strahlung vermehrt ab, wenn sie an Geschwindigkeit verloren haben, d. h. beim Eintritt in den Körper wenig Strahlung, im Zielgebiet die Maximalstrahlung, dahinter steil abfallende Strahlenergie. Damit kann die Strahlung besser auf das Zielgebiet konzentriert und das davor und dahinter liegende Gewebe besser geschont werden.
Protonen-RT demnächst in München verfügbar, Schwerionen-RT ab 2006/2007 in Heidelberg.
Fritz(D) ergänzte am 13.5.2005:
Die Vorteile der Protonentherapie gegenüber den verschiedenen Arten einer Photonenbestrahlung hat Paul schon sehr gut beschrieben. Die Kosten einer Protonenbestrahlung am Loma Linda University Medical Center in Kalifornien waren im letzten Jahr US$ 45.000,-, das entspricht nach dem aktuellen Kurs ca. € 36.000,-. Ein allerdings noch immer sehr hoher Betrag. Für Reise- und Aufenthaltskosten muss man je nach Ansprüchen zwischen € 5.000,- und € 10.000,- einkalkulieren. Die derzeit verabreichte Dosis ist 79,2 Gy bei 44 Fraktionen zu je 1,8 Gy. Die Ergebnisse sind beeindruckend und zumindest mit denen von P. Walsh zu vergleichen. Allerdings ohne dass seine strengen Auswahlkriterien angewendet werden.
Außer einem sich nach der 16. Bestrahlung einstellenden erhöhten Harndrang, der nach dem Ende der Behandlung wieder verschwand, habe ich bis jetzt keine weiteren Nebenwirkungen.
Unter den Mitbetroffenen in Loma Linda war man sich einig, dass der starke Verkehr auf den kalifornischen Freeways der unangenehmste Teil der Therapie ist.
Nach meinem Kenntnisstand soll das Rinecker Proton Therapy Center in München im Juni 2005 den Patientenbetrieb aufnehmen (www.rptc.de). Es gibt einen Versorgungsvertrag mit der AOK-Bayern und mit einigen BKKs. Man kann davon ausgehen, dass die Kosten mittelfristig für alle für gesetzlich Versicherten übernommen werden.
Fritz(D) machte am 14.5.2005 auf den folgenden Text auf der Webseite des Rinecker Proton Therapy Centers in München (http://www.rptc.de/deutsch/protonentherapie/kosten.htm) aufmerksam:
"Übernahme der Behandlungskosten
Gesetzliche Krankenversicherung
Als erste gesetzliche Krankenversicherung hat die AOK Bayern für ihre Versicherten einen Versorgungsvertrag für Protonenbestrahlung am RPTC abgeschlossen. Die AOK Bayern tritt auch als Clearingstellen für die AOKen anderer Bundesländer auf. Auch der Landesverband Bayern der Betriebskrankenkassen (BKK), wirksam für ganz Deutschland, und die Landwirtschaftlichen Krankenkassen Bayern haben entsprechende Verträge mit dem RPTC unterzeichnet. Weitere Kassen folgen. Protonentherapie in München am RPTC ist somit eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Dabei kommt dem Versicherten zugute, dass er seit Beginn 2004 ein Wahlrecht bezüglich des Leistungserbringers - also eines Protonencenters - hat und auch von seiner lokalen Versicherung grundsätzlich eine Kostenerstattung verlangen kann [§ 13 (2,3) SGB V]. Erwarten Sie hier – aufgrund der laufenden Verhandlungen – bald ein Update.
Patienten aus dem EU-Ausland
Auch für Patienten aus EU-Mitgliedsstaaten gelten die Grundsätze der Dienstleistungsfreiheit mit der Konsequenz, dass sie sich auch in Deutschland ambulante Behandlungsleistungen gegen Kostenerstattung zu Lasten des jeweiligen ausländischen Versicherungsträgers selbst beschaffen können. Ein nationales Sachleistungssystem hindert den Kostenerstattungsanspruch nicht. Demnach kann ein Patient aus einem EU-Mitgliedsstaat grundsätzlich Kostenerstattung beanspruchen, wenn er sich in Deutschland einer Protonenbestrahlung unterzieht. Dies gilt auch für im EU-Ausland wohnende Patienten, die nur zum Zwecke der Behandlung nach Deutschland einreisen. Für die Abwicklung der Behandlung gibt es zwischen der ausländischen und der betreffenden deutschen Krankenkasse ein formalisiertes Abrechnungsverfahren. Das ausländische Versicherungssystem kann bestimmte vom Patienten einzuhaltende formale Obliegenheiten vorsehen (z.B. die Behandlung darf erst nach Überweisung eines Hausarztes erfolgen), die aber weder diskriminieren noch die Dienstleistungsfreiheit behindern dürfen.
Private Krankenversicherung
Sun fragte am 7.9.2006:
Hat jemand mehr Informationen über die Protontherapie, die alternativ zur Strahlentherapie angewandt werden kann? Angeblich soll sie weniger Nebenwirkungen haben.
Hansjörg antwortete am selben Tag:
von Prof. Dr. Otmar Wiestler, dem Vorstand des DKFZ in Heidelberg, habe ich kürzlich einem Vortrag gehört, dass es noch keine gesichterten Erkenntnisse oder Studien über die Wirkungsweise der Protonentherapie gibt.
Seriöse und geprüfte Informationen darüber erhälst du über die Protonentherapie bestimmt vom KID, dem Krebsinformationsdienst des DKFZ unter KID-Telefon: Montag - Freitag, 8-20 Uhr, 06221/41 01 21.
Jürg wusste aus der Schweiz zu berichten:
Am Paul-Scherrer-Institut in Würenlingen (Schweiz) wird seit Jahren mit Protonentherapie praktisch gearbeitet und es liegen auch Erfahrungsberichte vor.
Allerdings werden neuerdings keine PK-Bestrahlungen mehr durchgeführt, da das Institut durch andere Aufgaben (Behandlung von Kindern, jungen Menschen etc.) voll ausgelastet ist. Man ist auch bemüht, die Protonenanlage auszubauen, doch scheinen die erforderlichen Mittel noch nicht beeinander zu sein. [Das Paul-Scherrer-Institut hat nach eigenen Angaben in den Jahren 1999 bis 2003 13 Prostatakrebs-Patienten mit Protonenstrahlen behandelt, danach wegen beschränkter Kapazität keine mehr. – Ed]
Freddy schrieb am 9.9.2006:
Erfahrungsberichte: In Loma Linda wurden bis 2005 insgesamt 10.520 Patienten mit der Protonenbestrahlung behandelt, davon 8.667 PK-Fälle. Es gibt eine Langzeitstudie über die Wirksamkeit.
Udo E schrieb am 2.11.2006:
Unter Investoren, einigen Radiologen, Medien und selbst Prostatakrebs-Patienten geht die Protonentherapie-Euphorie um, obwohl in bisherigen Studien noch keine Vorteile z. B. gegenüber dem fortgeschrittensten Standard der konventionellen (Photonen-)Strahlentherapie, der intensitäts-modofizierten Strahelentherapie (IMRT) nachgewiesen wurde.
Trotzdem bauen Privatinvestoren mit politischem Segen in Deutschland, das ohnehin ein Überangebot an Apparatemedizin hat, bis acht Protonentherapieanlagen, deren gigantische Überkapazitäten, wie in Loma-Linda, Carlifornien, nur mit den Massenkrebsarten Prostatakrebs und Brustkrebs profitabel ausgelastet werden können.
Ich als Patient oder meine Krankenkasse sollen es bezahlen: über 20.000 Euro (endlose Beitragserhöhungen?).
Und alles ohne einen nachweisbaren Zusatznutzen z. B. gegenüber der IMRT-Bestrahlung.
Der theoretisch bessere Präzision der Protonenbestrahlung lässt sich nicht umsetzen, da die Prostata ein sich bewegendes Organ ist und der Strahlungsbereich daher über die Prostata hinaus ausgedehnt werden muss.
Die Nebenwirkungen und Lebensqualität sind daher nicht wesentlich besser als bei konventioneller Strahlentherapien: etwa die Hälfte Patienten wird leichte Strahlenschäden an Darm, Blase oder Harnröhre bekommen (max. 5 % schwere Strahlenschäden). Ebenfalls etwa die Hälfte der Männer wird nach wenigen Jahren die Erektionsfähigkeit verlieren.
Bessere Überlebenszeiten als nach radikaler Prostatektomie oder IMRT konnten ebenfalls nicht nachgewiesen werden.
Eine Wundertherapie für Prostatakrebs gibt es also nicht.
Links dazu:
Neue Studie IMRT-Bestrahlung:
Prostatakarzinom: exzellente Ergebnisse mit intensitätsmodulierter Radiotherapie:
http://www.ärzteblatt.de/v4/news/news.asp?p=imrt&src=suche&id=25846
Protonentherapie:
Der Spiegel 14.2006, 3.4.2006, Tumor im Teilchenstrahl
www.spiegel.de
TV-Tipp:
Donnerstag
02.11.2006
21.45 - 22.15 Uhr
ARD 1.
Programm
Kontraste
Beitrag: Protonentherapie...
Dazu schrieb FritzD am selben Tag:
In unserer Gesellschaft und ganz besonders in unserem Gesundheitssystem geht es in erster Linie um Profit und Machterhalt. Um die eigenen Pfründe zu schützen, ist kein Mittel heilig.
Wir Patienten müssen, ob wir das wollen oder nicht, in diesem Spannungsfeld leben und vor allem die jeweils richtigen Entscheidungen für uns treffen.
Dein Wissen um die Protonentherapie entstammt im Wesentlichen aus der von Dir zitierten Spiegel-Veröffentlichung vom 3. April 2006. Die hier aufgeführten Argumente gegen diese Therapie sind gut bekannt und sind nahezu identisch mit Veröffentlichungen der DEGRO (Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie e.V.) einer berufsständigen Vereinigung, die ganz offensichtlich wirtschaftliche Nachteile Ihrer Mitglieder befürchtet. Den universitären Einrichtungen ist eine Konkurrenz durch privat finanzierte Institutionen außerdem ein Dorn im Auge. Man befürchtet wohl auch ein wenig die bisher sicher gepachtete, alleinige Vormachtstellung und wissenschaftliche Reputation zu verlieren oder zumindest mit anderen teilen zu müssen. Wir Patienten bleiben dabei leider in aller Regel auf der Strecke.
Besonders ärgerlich ist der Umstand, dass der Artikel auch einige Falschinformationen enthält, möglicherweise bewusst oder durch schlampige Recherche. Es ist z. B. nicht zutreffend, dass eine IMRT 3.000 - 4.000 € kostet. Richtig ist, dass dieser Betrag für eine konventionelle Strahlentherapie gesetzlich Versicherter erstattet wird, mit der Folge, dass nur wenige Krankenhäuser die weit aufwändigere IMRT, trotz vorhandener Anlagen, anbieten und nur ausgesuchte Patienten behandeln.
Die ausgezeichnete medizinische Wirksamkeit der Protonentherapie bei vergleichsweise geringen Nebenwirkungen wurde an mehreren klinischen Zentren nachgewiesen. Alleine am Loma Linda University Medical Center (USA) wurden in den letzten 16 Jahren 10.000 Patienten mit Prostatakrebs behandelt. Die Ergebnisse werden regelmäßig in renommierten Fachblättern veröffentlicht. Durch die FDA (Food and Drug Administration) ist diese Therapie in USA seit 2002 zugelassen und muß von den Kassen übernommen werden.
In Deutschland ist der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zuständig für die Festlegung der durch die gesetzlichen Kassen zu übernehmenden Therapien. Entscheidungen werden dort auf höchstem wissenschaftlichen Niveau getroffen, mit der Folge, dass die Entscheidung für die Protonentherapie – wegen fehlender eindeutiger Nachweise auf der Basis vergleichender und randomisierter Studien möglichst auch noch ein- oder zweifach verblindet – ausgesetzt wurde. Vor dem Hintergrund, dass Studien dieses Evidenzniveaus nicht einmal für die konventionellen Therapien vorliegen, ist diese Vorgehensweise zumindest fragwürdig.
Die Brachytherapie hat in den USA die Prostatektomie an Bedeutung inzwischen abgelöst, in Deutschland wird derzeit der medizinische Nutzen – natürlich auf höchstem Evidenzniveau (s.o.) - untersucht.
Durch die Teilnahme als Patientenvertreter an Beratungen des Gemeinsamen Bundesausschusses zur Protonentherapie und auch zur Brachytherapie habe ich einen recht guten Einblick, kenne die Hürden, die vor der Einführung neuer Therapien aufgebaut werden und glaube auch die unterschiedlichen Interessen einigermaßen einordnen zu können.
Die Vorteile der Protonentherapie habe ich im PBS Magazin 1/2006 ausführlich beschrieben. Daher erspare ich mir hier diese Details.
Falls Du Dich für die Ergebnisse der Protonentherapie interessieren solltest, empfehle ich Dir den nachstehenden Link: http://www.jkpix.com/TenYearStudy/Ten%20Year%20Study.pdf
Die Geschichte zeigt, dass die Verbreitung und Anerkennung neuer Erkenntnisse und Verfahren nur langsam stattfindet (Kompass, Schießpulver, Buchdruckkunst...). Die Protonentherapie ist dazu eine vergleichsweise geringe Innovation, unterliegt aber offensichtlich auch ganz ähnlichen Akzeptanzregeln.
Meine Überzeugung: Die Protonentherapie wird in Zukunft die Photonenbestrahlung für alle Indikationen ersetzen.
Meine Befürchtung: Wir heutigen Krebs-Patienten werden das nicht mehr erleben.
Meine Hoffnung: Schon in naher Zukunft werden zumindest alle tiefer liegenden Tumoren mit strahlungsempfindlichem Nachbargewebe wegen der deutlich besseren Heilungschancen (höhere Dosis möglich) mit Protonen bestrahlt.
Wolfgang bezog sich am 3.11.2006 auf den Satz "Meine Überzeugung: Die Protonentherapie wird in Zukunft die Photonenbestrahlung für alle Indikationen ersetzen" und fragte:
Gilt dies aus Deiner Sicht auch für die Behandlung vom Lokalrezidiven z.B nach RPE?
Darauf antwortete ihm DieterV am selben Tag:
Hier möchte ich nun doch einen kleinen Kommentar abgeben:
Gerade beim PSA-Rezidiv weiß man ja nie, wo diese PSA-Quellen – meist verstreut – liegen. Insofern ist hier jede Bestrahlung fraglich und bringt meistens nur Teilerfolge oder auch gar keinen Erfolg, wenn man lokal bestrahlt, aber die Metastasen gestreut sind!
Im günstigsten Fall handelt es sich um ein nachgewiesenes Lokalrezidiv, da bringt die Strahlentherapie einen Vorteil.
Hier habe ich auch schon von positiven Ergebnissen einer interstitiellen HDR-Brachy gehört in Verbindung mit einer extenen Bestrahlung. die HDR-Brachy ist eine 2- oder mehrfach eingebrachte hochdosis-Strahlenquelle, die nur kurzeitig über Hohlnadeln zum Einsatzort eingeschoben und dann wieder entfernt wird. Die hohe Dosis bewirkt eine kurzzeitige Strahlenwirkung. Im Gegensatz hierzu die interstitielle LDR-Brachy, die die dauerhafte Einbringung von Niedrigdosis-Strahlern (LDR= Low dosis Radiotherapy), den sog. Seeds, beinhaltet (nur als Ersttherapie, alternativ zur Operation oder externen Bestrahlung).
Eine Protonenbestrahlung macht dann Sinn, wenn ein bekanntes und eng begrenztes Gebiet bestrahlt werden soll.
Beim PSA-Rezidiv ist dies nur dann sinnvoll, wenn bekannte und zumindest größere Metastasen/Lokalrezidive bestrahlt werden sollen, z. B. Mestastasen in der Wirbelsäule, die dicht am Knochenmark oder an anderen kritischen Stellen liegen.
Ich hoffe, ich habe einigermaßen verständlich das komplexe Thema Bestrahlung bei PSA-Rezidiv erläutern können.
Ich höre sehr oft, dass den Patienten gesagt wird, es handele sich um ein Lokalrezidiv. Hinweis hierauf sind z. B. positive Schnittränder. Ich würde aber immer zuerst noch einige Untersuchungen machen (im Blut: AP, PAP, im 24-h-Sammelurin: DPD = Desoxypyridinolin, Einschätzung der Wahrscheinlichkeit für PSA-rezidivfreie Zeit anhand des Kattan-Nomogramms (Input: PSA präoperativ, Gleason-Score, Kapselinfiltration, Schnittrandbefund, Samenblasenbefall und LK-Befall).
Wenn daraus eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine systemische Ausbreitung von Mikro- oder Minimetastasen ergibt, dann ist aus meiner Sicht eine systemisch wirkende Therapie (wie die HB3=Hormonblockade mit 3 Medikamenten) m. E. der bessere Therapieansatz.
konzepi schrieb am 6.12.2010:
Befinde mich gerade bei Rinecker. Übermorgen bin ich fertig und habe den Krebs weg. Ich ließ mich nicht vom "Strahlentherapeut" irritieren. Auch bei mir meinte er, muss nicht sein. Bin froh, diese Entscheidung getroffen zu haben. Konnte mich hier mit mehreren PCs unterhalten. Keiner wurde von seinem Uro auf diese Therapie hingewiesen. Ich habe auch noch keine Antwort darauf gefunden, welche langfristigen Erfahrungen mit IMRT, IGRT, Tomotherapie, Rapid-Arc-Therapie vorliegen. Dass diese teure Technik noch nicht von öffentlichen Kliniken eingesetzt wird, spricht doch nicht gegen sie. Auch die von mir konsultierten (Röntgen-) Strahlentherapeuten konnten keine fundierten Informationen zur Protonentherapie geben.
Der also angesprochene "Strahlentherapeut" Daniel Schmidt antwortete einen Tag später:
Zitat von konzepi:
Ich habe auch noch keine Antwort darauf gefunden, welche langfristigen Erfahrungen mit IMRT, IGRT, Tomotherapie, Rapid Arc Therapie vorliegen.
Mit IMRT gibt es bereits gute Erfahrungen, was die Lngzeittoxizität angeht. Es sind allerdings keine 20-Jahre-Daten. Aber diese Daten gibt's bei Protonen mit Active Beam Scanning erst recht nicht.
Zitat von konzepi:
Dass diese teure Technik noch nicht von öffentlichen Kliniken eingesetzt wird, spricht doch nicht gegen sie.
Aber auch nicht gerade dafür, oder?
Zitat von konzepi:
Auch die von mir konsultierten (Röntgen)Strahlentherapeuten konnten keine fundierten Informationen zur Protonentherapie geben.
Schade, allerdings weiß ich nicht was Sie unter "fundiert" verstehen. Fundierte Informationen zur Effektivität, Nebenwirkungsschema und evtl. erhoffter Überlegenheit dieser Therapie gibt es keine, da die Therapie viel zu neu ist.
Theoretisch ist die Protonenstrahlentherapie eine tolle Sache. Das habe ich öfters hier gesagt und ich überweise persönlich öfters Patienten zur Protonenstrahlentherapie in diversen Zentren, wenn ich denke, dass die daraus einen Vorteil haben und die Protonenstrahlentherapeuten dies bestätigen. Die Patienten sind allerdings zu 90 % Kinder mit Tumoren an schwierigen Lokalisationen oder Erwachsene mit Schädelbasistumoren. Da machen Protonen in der Regel Sinn.
Einen Prostatakrebs können Sie genau so gut mit Protonen oder Photonen (mit oder ohne IMRT/IGRT) behandeln.
Es ist nur eine Frage, wieviel Sie dafür ausgeben möchten und ob Sie bereit sind, eine ganz neue Methode zu akzeptieren, von der sehr wenig bekannt ist und die eventuell in der Praxis nicht das erreicht, was sie theoretisch erreichen könnte.
Zwar werden jetzt die Protonen-Befürworter sagen: "Schauen Sie doch mal, was in Amerika läuft! Loma Linda bestrahlt Prostatas mit Protonen seit fast 30 Jahren und das mit guten Ergebnissen", aber ich darf alle daran erinnern, dass Loma Linda mit Scatterfolien arbeitet, während das Rinecker-Zentrum Active Beam Scanning betreibt. Wie letzteres Verfahren bei beweglichen Tumoren klappt, wissen wir nicht. Und die Prostata bewegt sich.
Die meisten Erfahrungen mit Active Beam Scanning hat sicherlich das Paul Scherrer Institut (PSI) in der Schweiz, dort wurde dieses Verfahren letztendlich entwickelt. Allerdings werden auch keine Prostata-Patienten im PSI behandelt.
Ist das ein Zufall? Das glaube ich nicht.
Breitflächiger Einsatz von Protonenstrahlentherapie darf und soll nur innerhalb von Studien erfolgen. Nur so werden wir den Nutzen dieser neuen Behandlung verstehen. Wenn die Studien eine Überlegenheit beweisen, wäre ich bereit, Patienten ins Rinecker Zentrum zu schicken. Das Problem ist, dass es sich um ein privates Zentrum in München handelt und daher vermutlich wenig Interesse an vergleichenden Studien besteht.