Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS
Jörg fragte am 20.12.2003:
ist es möglich, mit einem Östrogenflaster, das man sich auf die Hoden klebt, die Testosteronproduktion zu senken?
Ralf war der Meinung, dass es nicht geht, und antwortete am selben Tag:
es führt kein Weg daran vorbei: Wenn Du Deinen Testosteronspiegel in den Kastratbereich bringen willst (kleiner 0,2 ng/ml), dann musst Du Dich kastrieren lassen, entweder zeitweilig mit einem LHRH-Analogon oder dauerhaft mit dem Messer.
Mit einem Östrogenpflaster erhöhst Du Deinen Östrogenspiegel. Östrogen neutralisiert nicht Testosteron.
Jörg hakte noch einmal nach und fragte postwendend:
ich hatte in alten Postings gelesen, dass Östrogen in den Hoden bestimmte Zellen, die Testosteron produzieren, hemmen und somit auch die Testosteronproduktion hemmen. Was sagst du dazu, wie ist deine Meinung. Ich möchte ja auch ersteinmal mein Testo um ¾ nur senken. Wenn das über Östrogen nicht gehen sollte, kannst du mir einen Tip geben, wie das anders möglich ist, das Testo nur um die Hälfte oder dreiviertel zu senken? Denn mein Krebs ist noch sehr homonabhängig, und ich glaube, ich möchte das mit der Hormonblockade langsam beginnen.
Daraufhin meldete sich am 21.12.2003 Christian:
mit dem ¾ Absenken des Testosteronlevels könntest Du Dir aus folgenden Gründen einen Bärendienst erweisen.
Bei der ganzheitlichen Betrachtung des Menschen stellen wir fest, dass sowohl Zellen, wie Organe, wie auch der ganze Körper ausgelegt ist, sich auf einen "Hungermodus" einzustellen. Die Zellen kommen nach einer solchen "Umstellung" ganz gut auch mit weniger Testosteron aus. Außerdem ist das eine ganz gute Vorbereitung darauf, dass sie später auch überhaupt ohne Testosteron auskommen und dabei wachsen. Das ist die Hormonunempfindlichkeit. Die Hormonblockade wirkt dann am besten und hat dann auch ein Abtöten der Krebszellen zur Folge, wenn die Zellen sofort möglichst komplett von der Testosteronzufuhr abgeschnitten werden. Da können sich die Zellen gar nicht erst auf eine Mangelsituation einstellen. Sie sterben dann eher ab aus "Nahrungsmangel".
Als weiterer Grund sind die neueren Erkenntnisse zu erwähnen, dass der Prostatakrebs bei geringen Testosteronwerten viel besser wächst, blüht und gedeiht als bei sehr hohen Werten. Man diskutiert schon in bestimmten Fällen eine Testosteron-Ersatz-Therapie gegen den Prostatakrebs.
Wann entsteht Prostatakrebs? Doch erst, wenn bei älteren Männern die Testosteronproduktion stark abgenommen hat. Das geschieht so ab dem 35. - 40. Lebensjahr mit 1–2 % pro Jahr.
Prostatakrebs ist eine verd... komplizierte Angelegenheit, und wir wissen noch sehr wenig darüber.
Wil hatte, wie so oft, das letzte Wort und schrieb am 22.12.2003:
Weil Östrogentherapie so selten ein Thema ist, wusste ich auch lange Zeit nicht, wie sie funktioniert.
Östrogentherapie hemmt die Testosteronproduktion folgendermaßen:
HYPOTHALAMUS
Der Hypothalamus produziert chemische Pulse des LHRH Hormons. Die Pulsfrequenz nimmt zu (mehr LHRH) bei abnehmendem Testosteron.
Also nimmt die Pulsfrequenz ab (weniger LHRH) bei zunehmendem Testosteron. Auch bei einem zunehmenden Östrogenspiegel wird die LHRH Produktion gehemmt.
HYPOPHYSE
LHRH stimuliert in der Hypophyse die Produktion des LH-Hormons.
HODEN
LH stimuliert die Testosteronproduktion in den Hoden.
ÖSTROGENPFLASTER
Erforderliche Dosis (1 bis 3 Mikrogramm / Tag) bei Pflaster ist nicht gut definiert. Deswegen ist es am besten, mit 1-µg-Pflaster anzufangen und das Testosteron zu überwachen. Ggf. Dosis steigern, bis Testosteron-Kastratniveau erreicht ist [Empfehlung von Dr Myers].
Obwohl die Pflastermethode weniger Risiko auf Thrombose und Lungenembolie als die orale Methode gibt, empfiehlt Dr. Strum doch vorsorglich einen Blutverdünner (Warfarin, Cumadin) zu nehmen (gute Überwachung vom Arzt erforderlich).
Übrigens, Östrogentherapie hat auch eine direkte Wirkung auf die Prostatakrebszellen, sogar auch auf einige Arten androgenunabhängige Prostatakrebszellen. Deswegen ist diese Therapie eine der Optionen, wenn der Prostatakrebs androgenunabhängig wird.
[Dies war Wils letzter Beitrag im Forum der KISP. Wil de Jongh aus den Niederlanden, Erfinder des WIKUTO, verstarb am 31. März 2004 im Alter von 73 Jahren an metasiertem entdifferenzierten Prostatakrebs, nachdem es ihm nach dem Jahreswechsel 2003/2004 rapide schlechter gegangen war. Ein großartiger Kämpfer und steter Begleiter dieser Seiten von ihrer Gründung an hat damit den Kampf gegen unsere Krankheit schließlich verloren, aber seinen Frieden gefunden. Durch seine zahlreichen fundierten Beiträge im Forum, von denen ich viele in den "Forumextrakt" übernahm, wird er uns unvergesslich bleiben. – Ed]
M Schostak schrieb am 23.12.2011 unter dem Betreff "Östrogentherapie und Thromboserisiko - reicht ASS?":
Aus einer anderen Diskussion hat sich ein sehr wichtiges Thema ergeben:
Die Frage war: Sollte im Fall einer gegengeschlechtlichen Therapie mit Östrogen eine Blutverdünnung erfolgen und wenn ja, reicht ASS?
Eine Östrogentherapie hat bei Männern ein deutlich erhöhtes Risiko für thrombolembolische Komplikationen zur Folge. Das können Thrombosen, Lungenembolien, Herzinfarkte und Schlaganfälle sein. Dieses Risiko besteht grundsätzlich zwar auch bei einer Hormonentzugstherapie, z. B. mit einem LHRH-Analogon, ist jedoch sehr deutlich kleiner. So wird in der offiziellen Aufklärung zur medikamentösen Hormonabsenkung bei Prostatakrebs das Thema nur bei den Östrogenen ausführlich beschrieben.
Ein Forumsmitglied meinte im Rahmen der Diskussion rund um Östrogene, er nehme einfach ASS zur Prophylaxe.
Zu diesem Thema gibt es eine S3-Leitlinie: "Prophylaxe der venösen Thromboembolie (VTE)" vom 8.5.2010. Darin steht folgender Text (von mir in Auszügen dargestellt):
" Zur medikamentösen VTE-Prophylaxe stehen Heparine, Fondaparinux und andere Antikoagulantien zur Verfügung: Danaparoid, Faktor Xa-Inhibitoren, Thrombininhibitoren, Vitamin-K-Antagonisten (Kumarine).
Niedermolekulare Heparine sollen bevorzugt eingesetzt werden.
ASS sollte zur VTE-Prophylaxe nicht eingesetzt werden."
Also ein klares Fazit: Kein ASS!
Wenn eine Blutgerinnungshemmung sein soll oder muss, ist niedermolekulares Heparin am besten (Subcutanspritzen). Als Tabletten sind Kumarine verbreitet (z. B. Marcumar).
Für mich ist eine Therapie mit Östrogen oder Östrogenanaloga wie Estramustin in den meisten Fällen eine Indikation zur Blutverdünnung.