Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Therapiearten – Prostatektomie
mit dem da-Vinci®-Verfahren

[Die derzeit neueste Entwicklung auf dem Gebiet der Prostatektomie ist das DaVinci-Verfahren, eine Weiterentwicklung des laparoskopischen Eingriffs. Dabei sitzt oder steht der Operateur nicht mehr am Operationstisch, sondern an einem Computerarbeitsplatz. Von dort aus steuert er mit speziellen Instrumenten ausgestattete Sonden, die über kleine Schnitte in das Innere des Körpers eingebracht werden. Die Instrumente an den Sonden haben eine 360-Grad-Beweglichkeit und sind vom Operateur wie eine Hand in allen Freiheitsgraden steuerbar. Der operierenden Arzt steuert auch eine Kamera im Körper des Patienten. Durch sie erhält er ein dreidimensionales Bild vom Operationsgebiet, das bis 12-fach vergrößert werden kann. Mit Hilfe dieser Technik erreicht der Arzt höchste Präzision und damit größtmögliche Sicherheit für den Patienten. Selbstverständlich erfordert auch diese Operationstechnik ein handwerkliches Geschick des Arztes. Sie stellt aber die derzeit fortschrittlichste Methode dar. Immer mehr Kliniken in Deutschland legen sich die entsprechende Gerätschaft zu. Bei youtube liegt ein Videoclip vor, in dem eine Prostatektomie mit dem da-Vinci-Verfahren gezeigt wird (nichts für schwache Nerven!) – Ed]


Wolfhard schrieb am 9.12.2006:

Wir waren live dabei. Direkt im Operationssaal konnten wir, zwei Selbsthilfegruppenleiter aus Rheine und Bielefeld, eine der wohl modernsten minimal-invasiven Operationsmethoden zur Behandlung des Prostatakarzinoms beobachten, das da-Vinci®-System, eine roboter-assistierte Weiterentwicklung der konventionellen Laparoskopie. Bei diesem Operationsverfahren werden die laparoskopischen Vorteile mit den Vorteilen der offenen Schnittoperation kombiniert.

Im Vergleich zur konventionellen Laparoskopie mit 2D-Sichtverhältnissen bietet der "da-Vinci-Op-Roboter" dem Operateur die Vorteile einer dreidimensionalen Sicht des Operationsgebietes, fast wie bei der offenen Operation, und dazu durch die 360 Grad beweglichen Instrumente eine höhere Präzision.

Die Anlage besteht aus zwei wesentlichen Komponenten: der Steuerkonsole und einer Säule mit Roboterarmen. Der Chirurg sitzt etwa drei Meter vom Operationstisch entfernt an der Steuerkonsole. Mit zwei Bedienelementen für die Finger steuert er hiermit millimetergenau die Instrumente an den Roboterarmen, über die die eigentliche Operation am Patienten erfolgt. Die Roboterinstrumente werden über ca. 0,5-1 cm kleine Schnitte in den Körper des Patienten eingebracht.

Eine Kamera liefert ein hochauflösendes 3D-Videobild des Operationsfelds in 20- bis 30-facher Vergrößerung an den Operateur, der mit einer Zange am linken und einer Schere am rechten Arm absolut präzise arbeiten kann. Warum? Einerseits die Erfahrung des Chirurgen, andererseits die besonders fein abgestufte Gerätetechnik. Die Übersetzung der Bewegungen von der Konsole auf die Instrumente ist nicht nur zitterfrei, sie kann individuell eingestellt werden. Beispiel: Dreht der Chirurg seine Hand um drei Zentimeter, bewegen sich die Instrumente nur um drei Millimeter. Auf diese Weise kann der Chirurg wesentlich exakter arbeiten und – wir konnten uns davon überzeugen – selbst feinste Nähte komplikationslos anbringen. Auf diese Weise können laut Dr. Witt schwer zugängliche Stellen optimal erreicht werden.

Ein zweiter Arzt assistiert und hält eine andere Zange und einen Sauger. Die Anästhesistin hat ihren Beobachtungsplatz von der Konsole aus gesehen hinter dem Patienten jedoch im seitlichen Blickfeld des Operateurs. Über Bildschirme kann das gesamte Operationsteam den Eingriff mitverfolgen. Gleichzeitig wird mit einem DVD-Rekorder die gesamte OP für Lern- und Dokumentationszwecke mitgeschnitten.

Das Wort 'Roboter' ist hier schon ein wenig irreführend, weil der Patient glauben könnte, er werde von einem Roboter operiert. In der Tat ist der Roboter aber nur ein Hilfsmittel. Denn überflüssig wird der Chirurg durch den Roboter nicht. Ganz im Gegenteil: Er sitzt zwar entfernt vom Patienten, überlässt dem System - wie wir gut beobachten konnten - aber zu keiner Zeit die Kontrolle über die Operation. Der Roboter unterstützt den Chirurgen und verhilft ihm zu mehr Präzision. Die Entscheidung, welcher Schritt als nächstes erfolgt, liegt immer ausschließlich beim Chirurgen. Das System selbst tut zu keiner Zeit selbstständig etwas.

Dass wir ihm dabei über die Schulter sehen konnten, spielte für den erfahrenen Chefarzt PD Dr. Jörn Witt aus dem Prostatazentrum Nordwest im Krankenhaus Gronau keine Rolle "Ich konzentriere mich auf meine Arbeit, wie ich sie täglich mit meinem Team durchführe. Und ich möchte durch diese Live-Operation Ihnen, den Selbsthilfegruppen, Gelegenheit zur Information über dieses System geben, die Operationstechnik präsentieren", und fügt hinzu "Da wir häufig Gäste haben ist für unser Team eine Operation unter den Augen von Zuschauern keine besondere Situation."

Den problemlosen Umgang mit diesem System erlernt der Operateur nach den Worten von Dr. Witt recht schnell: "Im Vergleich zu der Lernkurve bei der konventionellen laparoskopischen Prostatektomie mit rd. 100 Eingriffen kommt man hier mit 20 Operationen aus."

Gut beobachtbar war für uns Laien die besonders vorsichtigen Bewegungen der Instrumente z. B. beim Ablösen und Beiseiteschieben des neurovaskulären Bündels, das Entnehmen von Operationsgut für einen Schnellschnitt beim Pathologen einschließlich dem anschließenden unvermeidbaren Warten auf dessen Ergebnis oder die faszinierende Beweglichkeit der Roboterarme bei der Näh- und Knotentechnik an der Anastomose und auch, wie durch Auffüllen der Blase mit Flüssigkeit die Dichtheit der Anastomose getestet wurde. Und mit einem Endobag, einem Bergesack, wird dann das Operationsgut herausgeholt, nachdem die Öffnung eines Trokars etwas aufgeweitet wurde. Die Präzision, wie das alles ablief, beeindruckte uns.

Dr. Witt: "Dem Patienten bleibt mit dem Einsatz des OP-Roboters eine Öffnung der Bauchhöhle erspart, der Heilungsprozess verläuft schneller und ist mit weniger Schmerzen verbunden. Der Blutverlust mit durchschnittlich 300 ml ist nur noch gering. Die Erholungszeit der Patienten ist deshalb kürzer." und fügt noch an: "Diesem Roboter-Assistierten-System gehört die Zukunft".

Uns erschien die Robotertechnik überzeugend. Unsicher waren wir nur: Ist das nun seelenlose Informations- und Kommunikationstechnologie oder Medizintechnik? Aber es ist, obwohl ein derartiges Gerät ohne Software undenkbar scheint, doch wohl eindeutig Medizintechnik und gottlob in den Händen erfahrener Ärzte.

(von Ludger Schnorrenberg, Rheine und Wolfhard D. Frost, Bielefeld, www.prostata-sh.info.


Rudolf-H fragte am 30.8.2011:

Ich hätte da noch eine Frage bzgl der nervenschonenden Durchführung der Operation nach daVinci in Gronau im Vergleich zur Martini-Klinik/Hamburg:

In der Martini-Klinik wird nach Entnahme der Prostata die OP für eine halbe Stunde unterbrochen. Die Seitenteile der Prostata, an denen die Gefäß-Nerven-Stränge liegen, werden abgeschnitten und sofort von einem Pathologen untersucht. Stellt sich heraus, dass die untersuchten Seitenteile der Prostata tumorfrei sind, können die Nerven erhalten werden.

Wird so auch in Gronau verfahren? Wenn nicht, welches sind die Entscheidungskriterien in Gronau, ob die Nerven erhalten bleiben können? Heißt dies, dass die Nervenstränge im befallenden Prostatalappen automatisch entfernt werden und nur die Nerven im nach Biopsie tumorfreien Prostatalappen erhalten bleiben?

Ralf antwortete am 2.9.2011:

Ich habe diese Frage an Dr. Witt in Gronau weitergeleitet. Er schrieb mir gestern zurück:

"Auch wir führen, analog dem Hamburger Vorgehen, bei Bedarf intraoperative Untersuchungen aus Seitenbereichen (dort wo die Gefäßnervstrukturen gelegen sind) durch. Das Ergebnis ist dann wesentlich für den Erhalt des Nervengeflechtes. Im Unterschied zu den Hamburgern unterbrechen wir den Eingriff nicht, sondern nutzen die Zeit um z. B. die Lymphknoten zu entfernen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. J.H. Witt
Chefarzt Abteilung Urologie und Kinderurologie
Prostatazentrum Nordwest
Möllenweg 22
48599 Gronau
Tel. +49-(0)2562-915-2100
Fax +49-(0)2562-915-2105"

Rudolf-H korrigierte daraufhin am selben Tag seine Anfrage wie folgt:

Meine Formulierung mit "unterbrechen " erscheint mir im Nachhinein etwas zu oberflächig. Hätte schreiben sollen "30 Minuten später.." – so wie es auf der Homepage der Hamburger steht; ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass in Hamburg eine Pause gemacht wird, um z. B. einen Kaffee zu trinken. Mit Sicherheit werden sie auch dort die Zeit, bis der Schnelltest gemacht ist, gut nutzen.


Ralf schrieb am 25.11.2011:

Im Vorabend-Regionalprogramm für Niedersachsen des NDR lief am 22.11. ein kurzer (~3½ min) Film über das neu in Betrieb genommene da-Vinci-System im Vinzenzkrankenhaus in Hannover. Interessant sind die Aussagen des Operateurs, der bestimmt schon viele herkömmliche RPEs durchgeführt hat, und eines der ersten zehn in diesem Krankenhaus mit da Vinci behandelten Patienten. Der Film kann hier in der Videothek des NDR angesehen werden.