Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Rechtliches – Verpflichtung des Arztes
zum Hinweis auf den PSA-Test

Hermann fragte am 14.2.2006:
Ich (49) bin vor genau einem Jahr operiert worden, das ganze total, d. h. nicht nervschonend, mit der Folge der Impotenz, leider aber auch Metastasen in den Lymphen. Das sich das Leben dann vollkommen veränderte, ist euch sicherlich klar.
Ich bekam sofort Profact Depot (Hormonblockade), das aber inzwischen wegen des nicht mehr zu messenden PSA-Wertes wieder abgesetzt ist (d. h. nur 9 Monate). Ab August folgten 37 Bestrahlungen - also das Komplettpaket! Nichts ist wie früher, aber ich lebe!!
Die Krankheit wurde durch einen Urologen entdeckt, der mir bei einer Prüfung des Testosteronwertes einen PSA-Test angeboten hatte, von dem ich bis dahin nie etwas gehört hatte. Mein Hausarzt (der seit meinem 40. Lebensjahr alle zwei Jahre eine Krebsvorsorgeuntersuchung machte) hat meine Prostata nur abgetastet, aber nie von einem PSA-Test gesprochen, geschweige denn nach Vorbelastungen (die leider vorhanden sind) gefragt. Natürlich war auch ich naiv, oder besser gesagt unwissend, und habe nie darüber nachgedacht zum Facharzt zu gehen.
Ich stimmte also vor 15 Monaten einem PSA-Test zu. Das ich diesen bezahlen musste, spielte keine Rolle, denn die Begründung des Arztes und die niedrigen Kosten (ca. vier Schachteln Zigaretten) stellten keinen Hinderungsgrund für eine derartige Untersuchung dar. Dann das dicke Ende - ein PSA-Wert von 27,6!!!
Die Biopsie ergab eine 30-prozentige Durchsetzung der Prostata mit Krebszellen. Im UKE Hamburg wurde ich gut beraten und muss sagen, dass alles, was ich angeboten bekommen habe, nach nur nur einem Jahr dazu geführt hat, dass ich als krebsgewebefrei gelte (mein PSA-Wert ist nicht mehr messbar). Ich werde regelmäßig überprüft, da ich Teilnehmer einer Studie über die Wirkung von 3-Monats-Depot-Gaben von Zometa bin. Also, um es geradeheraus zu sagen – ich bin mit dem Verlauf der Gesundung unter den gegebenen Umständen sehr zufrieden! Positiv denken ist der Schlüssel zum Erfolg!
Nun zu meiner Frage:
M. E. ist ein Arzt (auch praktischer Arzt) dazu verpflichtet, einen Patienten auf alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Vorsorgeuntersuchung hinzuweisen – (er muss handeln wie ein Facharzt, wenn er fachärztliche Leistungen anbietet) – auch, wenn diese erst einmal nicht von den Krankenkassen übernommen wird. Als mündiger Patient sage ich, dass habe ich zu entscheiden.
Sind euch Fälle bekannt (und wie sind die z. B. haftungsrechtlich geregelt worden), in denen ein Patient erfolgreich die Haftpflicht des Arztes in Anspruch genommen hat?
Ich werde klagen und brauche alles an Infos, was verfügbar ist. Natürlich ist mir klar, dass ich Neuland betrete, aber steter Tropfen höhlt den Stein. Ich will mich und meine Familie gegen Berufsunfähigkeit durch die zu späte Erkennung des Krebses absichern, da ich der Hauptverdiener bin und auch mit diesem Fehler des Arztes abgesichert weiterleben möchte.
Also Freunde – wer kann mir Infos geben?
Urologe fs antwortete am selben Tag:
Es gibt hier inzwischen einschlägige Urteile. Vor dem Jahr 2000 (??), so die Richter, musste auf die Möglichkeit einer PSA-Bestimmung nicht hingewiesen werden. Vorsorge ist gesetzlich erst ab dem 45 LJ vorgesehen. Die Untersuchungen von 35 bis 45 sind sogenannte Gesundheitsuntersuchungen, die in erster Linie auf Herz/Kreislauf/Fette abzielen – der Krebsgedanke ist absolut untergeordnet.
Als Risikopatient mit z. B. Vater und Bruder mit Prostatakrebs hätte allerdings durchaus ab dem 35. bis 40. LJ eine urologische Vorsorge erfolgen können/sollen. Hier ist die Frage, in wieweit der Hausarzt von der familliären Belastung informiert wurde.

Franz Reuter von der Selbsthilfegruppe Prostatakrebs Itzehoe und Elmshorn meinte am 15.2.2006:
ich möchte mit folgenden Hinweisen antworten:
Es gibt eine Stiftung Gesundheit. Hier kann jeder, der z. B. ein Problem mit der Krankenversicherung hat oder sich mit einem Arzt in Konflikt befindet, eine kompetente Einschätzung der Rechtslage sowie praktische Ratschläge zum weiteren Vorgehen einholen – ganz ohne Kostenrisiko und natürlich in Wohnortnähe.
Um eine kostenlose Erstberatung in Anspruch zu nehmen, benötigt man lediglich den Beratungsschein der Stiftung Gesundheit, den man unter der kostenlosen Service-Rufnummer 0800/0732483 – Montags bis Freitags von 9.00 bis 17.00 Uhr – sich ausstellen lassen kann. Mit dem Beratungsschein erhält man die Adresse des nächstliegenden Vertrauensanwalts mit dem benötigten Spezialgebiet.
Dieses Beratungsnetz ist bundesweit tätig.
Weitere Informationen gibt es im Internet www.medizinrechts-beratungsnetz.de.
Im Orientierungsgespräch gibt der Vertrauensanwalt eine qualifizierte Einschätzung der rechtlichen Dimension des Falls, einen Überblick über die möglichen Vorgehensweisen und weiteren Beratungsmöglichkeiten sowie eine Abschätzung von möglichen Kosten und Laufzeiten. So informiert, kann dann die Entscheidung zum weiteren Vorgehen selbst getroffen werden.
Du solltest bei Deinen Planungen allerdings auch berücksichtigen, dass Du die Untersuchungen offensichtlich nicht bei einem Urologen hast machen lassen. Ich sage immer:
Kaufe ich mir ein Auto, gehe ich auch nicht in ein Blumengeschäft !
Der Facharzt (Urologe) wäre die bessere Wahl gewesen. Dieses ist kein Vorwurf sondern nur ein Hinweis für mögliche Gegenargumente.
Am selben Tag schrieb RA Mielke, Justiziar des BPS aus juristischer Sicht:
die Frage, ob im Rahmen einer PCa-Vorsorgeuntersuchung der fehlende Hinweis auf die Möglichkeit zur PSA-Bestimmung als Aufklärungsfehler gewertet werden kann, ist umstritten.
Einer Entscheidung des OLG Hamm zufolge (Beschluss v. 19.05.2004, Az. 3 U 26/04) ist dies nicht der Fall. In der Entscheidungspraxis der Gutachterkommision für ärztliche Behandlungsfehler bei der Ärztekammer Nordrhein sieht es ähnlich aus: "Das Nichtbestimmen des PSA-Wertes bei einer Früherkennungsuntersuchung wird derzeit überwiegend nicht als Behandlungsfehler bewertet. Im Einzelfall würde es jedoch als fehlerhaft erachtet, wenn bei dem Wunsch nach einer Früherkennungsuntersuchung über die PSA-Bestimmung nicht aufgeklärt wird."
In einem von mir vertretenen Fall bei der Schlichtungsstelle der Landesärztekammer Hessen wurde ein Aufklärungsfehler hingegen bejaht. Hierfür sprechen – trotz der Tatsache, dass der PSA-Test (als reine Vorsorgemaßnahme) bislang nicht im Leistungskatalog der GKVen enthalten ist – auch durchaus beachtliche Gründe:
Eine PSA-Bestimmung zur Prostatakarzinomdiagnostik entspricht dem haftungsrechtlich relevanten "gesicherten Stand der medizinischen Wissenschaft". Dies ist bereits durch eine S3-Leitlinie zur "PSA-Bestimmung in der Prostatakarzinomdiagnostik" aus dem Jahr 2002 indiziert (erhältlich über http://leitlinien.net). Die gegen den PSA-Test vorgebrachte Kritik geht – was hier auszuführen allerings zu langwierig wäre – größtenteils an der Sache vorbei.
Dass der PSA-Test als reine Vorsorgemaßnahme nicht im Leistungskatalog der GKVen enthalten ist, kann demgegenüber m. E. nicht ins Feld geführt werden. Denn das zunehmende Auseinanderdriften des sozialrechtlichen Leistungsstandards und des haftungsrechtlich relevanten medizinischen Standards kann schlechterdings nicht auf dem Rücken der Patienten ausgetragen werden. Das Mindeste, was man insoweit fordern muss – und so sieht es auch der ehemalige Vorsitzende des BGH-Senats für Arzthaftungsrecht, Erich Steffen – ist eine Aufklärung über dem medizinischen Erkentnnisstand besser entsprechende Diagnose- und/oder Behandlungsmethoden.
Für weitere Fragen stehe gerne zur Verfügung. Ich bin über die Geschäftsstelle des BPS zu erreichen (05108/926646).
Gast Elke antwortet Hermann ebenfalls am 15.2.2006:
es wird nicht einfach werden, fürchte ich.
Allerdings vermisse ich in Fällen wie Deinem und denen der anderen Betroffenen einen Aspekt "der fehlenden Beratung der Ärzte", der bisher nicht erwähnt wurde.
Ein Arzt schuldet dem Patienten grundsätzlich "eine sachgerechte Behandlung nach allen Regeln der medizinischen Kunst".
Mittlerweile sind durch die Gesetzlichen KVen in ihren erstellten Leistungskatalogen einige Behandlungen ein-, bzw. ausgeschlossen worden. Daran kann sich ein Arzt orientieren, muss es aber nicht.
Stattdessen kann er ergänzend zu den Leistungen der KVen IGeL-Leistungen anbieten, die der Patient privat zu bezahlen hat.
Interessanter Weise ist die urologische Vorsorgeuntersuchung mittels PSA-Test, obwohl sie medizinisch umstritten ist, in dem IGeL-Katalog enthalten.
Dieses Vorgehen ist nicht unumstritten, doch offiziell erlaubt, und so können sich Ärzte u. U. erfolgreich vor Regressforderungen, die aus ähnlichen Gründen wie dem Deinen entstehen würden, drücken.
Wohlgemerkt: Die PSA-Messung so abzurechnen greift dann, wenn KEINE Risikofaktoren, Beschwerden oder Alter < 50 vorliegen. So verstehe ich es.
Es ist im Grunde nicht relevant, ob der Patient im Rahmen der Krebsfrüherkennung dazu einen Haus- oder Facharzt aufsucht.
Hier ein paar Links dazu:
http://www.mmw.de/pdf/mmw/115572.pdf?pdf=true
http://www.aok.de/bund/rd/media/IGeL_prost_screening.pdf
http://www.igelarzt.de/01/0101/meld551.html
http://www.aok-bv.de/gesundheit/katalog/index_05916.html
http://www.aok.de/bund/rd/153004.htm
http://www.igelarzt.de/01/0101/pdf/presseinfo_igel.pdf
http://www.qmg.de/bilger/ZFA_137.pdf
Ich würde mich mit meiner Krankenkasse darüber unterhalten und mal deren Stellungnahme dazu einholen. Ebenso kann man sich versuchsweise an das Wissenschaftliche Institut der AOK wenden und den Fall vortragen:
http://wido.de/ambulanteversorgung.html
Da jeder Fall ein Einzelfall ist, kann man keine pauschalen Aussagen treffen, solange nicht der Gesamtzusammenhang einige Argumente hinsichtlich einer Regressforderung erkennen lässt.
Und Reinardo meinte:
Ich glaube nicht, dass solche Klagen Aussicht auf Erfolg haben. Es gibt zu viele Widerspruchsgründe. Zunächst ist der PSA-Test als verlässliches Diagnoseverfahren selbst unter Ärzten umstritten. Auch kann vom Arzt generell nicht erwartet werden, dass er einem beschwerdefreien Menschen ohne Verdacht auf Krebs weitere Untersuchungen anbietet. Schließlich wird der Test von der Kasse nicht bezahlt, was auch darauf hinweist, dass er ärztlicherseits als nicht notwendig gesehen wird. Schließlich ist die Krebsvorsorge bei Männern weitestgehend unbeliebt und ihnen zuwider. Ich selbst habe das Angebot meines Urologen einmal abgelehnt, weil ich von Krebs nichts wissen wollte. Solches Verhalten beeinflusst auch den Arzt.
Und schließlich läuft im Fernsehen und in der Vulgärpresse derzeit doch die große Stimmungsmache gegen "raffgierige" Ärzte, welche ihren Patienten unnötige Sonderleistungen gegen Bezahlung anbieten.
Einen Vorteil solcher Prozesse sehe ich allerdings in der Öffentlichkeitswirkung.