Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Nebenwirkungen – Stuhlinkontinenz

[Stuhlinkontinenz nach einer Operation oder Bestrahlung ist wohl eine der am stärksten belastendenden Nebenwirkungen, und kein Betroffener spricht oder schreibt freiwillig davon, nicht einmal seinem Arzt gegenüber. Dass es sie gibt, wissen wir z. B. durch den nachstehenden Beitrag des Urologen fs.
- Ed]

Urologe fs schrieb am 1.10.2004 u. a.:
Z. B. sagt auch kaum jemand, dass nach Brachytherapie 4-8 % permanentes, bleibendes und belastendes Stuhlschmieren haben. So schonend ist die ST nämlich auch nicht, sonst würde sie den PK nicht besiegen.

"Lichtblitz65" fragte am 9.2.2008:
Drei Jahre nach Bestrahlung des Prostatabereiches stellt sich eine immer stärkere Stuhlinkontinenz ein: nicht beeinflussbarer Abgang von Reststuhl mit starkem Brennen. Außerdem haben sich Hämorrhoiden (Stufe 2) gebildet, die behandelt wurden (geätzt). Der Urologe empfiehlt, einen Gastroenterologen zu konsultieren, das will ich auch tun.
Wegen hervorragender Erfahrung mit intelligentem Beckenbodentraining gegen Harninkontinenz habe ich mich nach der Wirkung des Beckenbodentrainings bei Stuhlinkontinenz umgesehen, aber nicht viel (Cantieni) gefunden. Natürlich weiß ich, dass verbrannte Nerven kaum durch Training revitalisiert werden können, dennoch will ich den Versuch nicht aufgeben. Wer rät mir dazu?
Ralf antwortete einen Tag später:
Es ist bekannt, dass Stuhlinkontinenz eine zwar recht seltene, aber dafür die mit am meisten gefürchtete Komplikation nach einer Bestrahlung ist. Ich bin seit über sieben Jahren Forumsteilnehmer, aber ich kann micht nicht erinnern, dass in dieser langen Zeit irgendein anderer PK-Betroffener davon berichtet hätte, obwohl Du nicht der Einzige sein kannst; die Allermeisten haben wohl Scheu davor, von ihrer Stuhlinkontinenz zu berichten, selbst anonym.
Was ich damit sagen will ist, dass wir – anders als für viele andere Nebenwirkungen und Komplikationen – keinerlei Erfahrungsberichte und Ratschläge dazu vorliegen haben.
Wird bei der RPE der Blasenschließmuskel beschädigt, so hat mann noch einen zweiten, meistens untrainierten, den er durch geeignetes Training dazu bringen kann, die Funktion des ausgefallenen Schließmuskels weitgehend zu übernehmen. Beim Darmschließmuskel gibt es keinen "natürlichen Ersatz". Ich kann mir darum nicht vorstellen, dass irgendein Training Dir etwas nutzt.
Am selben Tag schrieb Konrad:
Ich war am Donnerstag mit einem neuen harninkontinenten PKler bei einer SHG für Inkontinente.
Ein Proktologe hat einen Vortrag gehalten über Stuhlinkontinenz. Es waren in erster Linie Frauen anwesend, bei denen es auch durch frühere schwere Geburten im Alter zur Stuhlinkontinenz kommt.
Es gibt spezielle Beckenbodengymnastik, die sehr zu empfehlen ist, aber immer gemacht werden muss. Ich kann nur empfehlen, so eine SHG zu besuchen. Ich selber brauche es ja nicht, aber was macht man nicht alles, um anderen zu helfen.,
Ich kann eine Hotline anbieten: 01805-233440 und www.kontinenz-gesellschaft.de.
Ich kenne Frischbestrahlte mit Harn- und Stuhlinkontinenz, eine schlimme Sache, wenn man bedenkt, ob die Bestrahlung bei einem 75-Jährigen überhaupt notwendig war?
Hierzu meinte Ralf am 11.2.2008:
Ich glaube nicht, dass das Trainig, das diesen Frauen hilft, viel hergibt für jemanden, dessen Darmschließmuskel durch Bestrahlung geschädigt ist. Bei den Frauen liegt die Ursache für die Inkontinenz woanders, und der Schließmuskel ist nicht in gleicher Weise geschädigt und kann evtl. noch trainiert werden.
Dieter aus Husum antwortete am 10.2.2008 auf die ursprüngliche Frage von "Lichtblitz65":
Das Thema Stuhlinkontinenz nach Prostatabestrahlung wird in diesem Forum selten diskutiert. Anders dagegen z. B. im Stoma-Forum – dort ist das Thema permanent im Gespräch und niemand bedeckt sich in Scham.
Es gilt aber eher die Frage zu behandeln, wie man Dir helfen könnte. An Deiner Stelle würde ich einen Coloproktologen aufsuchen. Folgender Link hilft Dir bei der Suche:
http://www.coloproktologen.de/FuerPatienten/Spezialistensuche.html.
Eine Veröffentlichung, welche sich mit möglichen Langzeit-Nebenwirkungen von Bestrahlungen auseinandersetzt, dürfte nicht nur für Dich, sondern auch für alle Mitleser, die sich mit dem Thema "Radiatio" beschäftigen, lesenswert sein:
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=45776.
Glücklicherweise hat der Fortschritt auch bei den Radiologen stattgefunden. Die Bestrahlungstechnik hat enorme Fortschritte gemacht, inzwischen landen die Gy genauer und verstärkt dort, und zwar weitestgehend nur dort, wo sie hin sollen.
Ebenfalls am 10.2.2008 schilderte WolfhardD seine Erfahrungen:
Der nachfolgende Text schlummerte in meinem Archiv:
Widrige Auswirkungen von Prostatakrebsbehandlungen
Veröffentlicht am 21.12.2004 Zusammenfassung:
Forscher von Prostatakrebs-Ergebnisstudien verfolgen Langzeitnebenwirkungen bei Patienten, die sich bei einem lokalisierten Prostatakrebs entweder einer radikalen Prostatektomie oder einer Strahlentherapie unterzogen haben. Über Ergebnisse nach einem Zweijahreszeitraum wurden bereits vor ein paar Jahren berichtet (Journal Watch Oct. 31, 2000); jetzt berichten diese Forscher über die 5-Jahres-Ergebnisse von 901 Männern, die sich der Prostatektomie unterzogen hatten und 286 Männern, die eine externe Strahlentherapie erhalten haben, die jedoch sonst unter klinischen und demographischen Aspekten untereinander vergleichbar waren.
Nach fünf Jahren hatten die prostatektomierten Patienten eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit von schwerer Inkontinenz (keine Kontrolle oder häufigen Harnverlust) als die bestrahlten Patienten (15% gegenüber 4%). Die mit Strahlen behandelten Patienten wiesen jedoch gegenüber den prostatektomierten eine größere Wahrscheinlichkeit von dringenden Darmentlehrungsbedürfnissen (29% gegenüber 19%) oder schmerzhaften Hämorrhoiden auf. Sexuelle Aktivitäten und das Interesse daran nahm in der Gruppe der mit Strahlen behandelten Patienten während der 5 Jahre allmählich ab; bei den operierten Patienten hingegen gab es während der ersten 6 Monate einen starken Abfall der sexuellen Aktivität und des Interesses, aber dann verbesserte sich dies allmählich. Nach 5 Jahren war etwa die Hälfte der Patienten in beiden Gruppe sexuell inaktiv.
Kommentar
Diese Ergebnisse helfen die widrigen Konsequenzen nach Prostatektomie und Bestrahlung bei Prostatakrebstherapien zu quantifizieren. Da es weiterhin unklar bleibt, ob die Gesamtüberlebenszeit bei beiden Therapiearten die gleiche ist, sind deren widrigen Auswirkungen sehr wichtige Erwägungen für Patienten, die dabei sind, sich zwischen diesen beiden Therapiearten zu entscheiden.
Allan S. Brett, MD
Quelle Potosky AL et al. Five-year outcomes after prostatectomy or radiotherapy for prostate cancer: The Prostate Cancer Outcomes Study. J Natl Cancer Inst 2004 Sep 15; 96:1358-67.
Meine Anmerkung dazu, weil sich ja sonst wohl kaum einer outet:
Das im Beitrag zuvor beschriebene Training des Schließmuskels hat bei mir außer einer hohen Rechnung nicht viel, eher gar nichts gebracht, es sei denn, die Mitteilung "Schließmuskel mit nur noch 60 % Funktionsfähigkeit" (was immer das auch heißt) wäre den Betrag wert gewesen. Ich habe nach nunmehr sechs Jahren nach der externen 3D-Bestrahlung mit irgendsowas wie 64 Gy sogenannte Bleistiftstühle, mit einer nicht "normalen" (Proktologe!) Konsistenz, die Häufigkeit liegt bei täglich fünf- bis sechsmal, es sind kleine schnelle (sehr schnelle) Stühle, die auch schon mal in die Hose gehen, wenn ich das erste Anzeichen nicht richtig deute (d. h. wenn sich was rührt, dann bewege ich mich sofort in Richtung Toilette – aber was ist auf einer Veranstaltung, wenn alle Toiletten besetzt sind? Wer Phantasie hat kann sich's denken.). Stuhlschmieren ist an der Tagesordnung d. h. drei- bis viermal täglich Unterwäsche wechseln und/oder nach Toilettengang das Hinterteil duschen. Blähungen kann ich mir nicht leisten, gehen "massiv" nach hinten los. Zuerst etwa so vier Jahre nach der Bestrahlung waren die Beschwerden noch moderat und im Griff zu halten, mittlerweile kann ich nicht mehr so am öffentlichen Leben teilnehmen wie früher. Meist bereite ich die Teilnahme an auswärtigen Veranstaltungen am Tag vorher mit (ver)stopfenden Mitteln vor. Dann geht es. Mehr möchte ich nicht berichten, außer ,dass auch noch Harninkontinenz zunehmend stärker bei mir auftritt, also Vorlagen tragen.
Bernhard A. hatte außer eigenen Erfahrungen am selben Tag auch einen Tipp zu bieten:
Die Entwicklung wird dahin gehen, dass die„Äußere 3D-Bestrahlung“ als Monotherapie bald der Vergangenheit angehören wird (die viel weiterentwickelte IMRT meine ich hiermit nicht). Ihre Daseinsberechtigung wird Sie als Zusatztherapie zur OP und zur Brachytherapie -hier sind dann nur noch 50,4 Gy erforderlich- behalten. Die Brachy(von Innen)-Bestrahlung kann viel zielgenauer, direkt am Tumor, eingesetzt werden, und braucht nicht durch andere Körperteile geleitet werden.
Kurze Zeit nach der Bestrahlung fingen auch bei mir Reizungen des Darmschließmuskels an.
Ohne einen Arzt zu fragen habe ich sofort damit angefangen den Schließmuskel mit „Penaten-Creme“ einzureiben (auch wenn es kein schönes Thema ist). Dabei ist es ganz wichtig, dass man mehrmals mit dem Zeigefinger (mit Einmalhandschuhen) die Creme so weit wie möglich in den Schließmuskel führt (nach einigen Tagen hat man soviel Übung, dass es zur Routine wird).
Da mir von Anfang an die Problematik der Schließmuskelreizung durch eine Bestrahlung bekannt war, führe ich diese Prozedur, bis heute, fast täglich, morgens einmal durch (und auch zukünftig).
Ich habe nie wieder Probleme mit dem Schließmuskel gehabt. Zwei weitere bestrahlte Mitbetroffene haben diesen Tipp schon mit Erfolg angenommen.