Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS
jürgen53 fragte am 24.12.2010:
Eine Frage habe ich noch zur RPE: Um wie viele cm schrumpft denn das gute Stück und was passiert mit dem überschüssigen Stück Vorhaut? Ich hörte, das macht durchaus Probleme. Ist eine Beschneidung erforderlich?
Ralf antwortete einen Tag später:
Dr. Strum schreibt dazu in seinem "Ratgeber" (deutsche Übersetzung, S. 78):
"Schrumpfen des Penis
Ein bekannter Nebeneffekt einer RP, der aber oft nicht mit den Patienten vorab besprochen wird, ist das Schrumpfen des Penis. Dies kann durch eine Form von Atrophie durch die Bildung von Narbengewebe, oder durch die Verkürzung der Harnröhre ausgelöst worden sein, da bei der RP ja als Teil der Prozedur die prostatische Harnröhre entfernt wird. In einer Studie von Munding et al. war bei 22 von 31 (71 %) der Patienten die Länge des Penis innerhalb von drei Monaten nach der RP um 0,5 cm bis 4,0 cm geschrumpft. Bei 15 (48 %) dieser Patienten betrug die Verkürzung des Penis mehr als 1,0 cm[55].
55. Munding MD, Wessells HB, Dalkin BL: Pilot study of changes in stretched penile length 3 months after radical retropubic prostatectomy. Urology 58:567-9, 2001"
Und ich schrieb einmal hier:
"Eine kosmetische Nebenwirkung der RPE, die von den Urologen auch gerne mit Schweigen übergangen wird, ist die Verkürzung des Penis. Mit der Prostata wird ein Stück der Harnröhre entfernt, entsprechend der Länge der Prostata. Das können bei sehr großen Prostatae bis zu ca. 4 cm sein. Die beiden Stümpfe der Harnröhre (am Blasenhals und zum Penis hin) werden wieder zusammengefügt (diese Nahtstelle wird als Anastomose bezeichnet). Dazu muss der Penis in den Körper hineingezogen werden (die Blase wird kaum nachgeben); der außerhalb des Körpers liegende Teil wird entsprechend kürzer. Als Folge ist die Vorhaut zu lang, was u. a. Probleme bei der Hygiene verursachen kann. Manche Männer leiden dann unter ständigen Entzündungen der Eichel. In einer amerikanischen Studie gaben 71 % der befragten Männer an, dass ihr Penis nach der Operation kürzer war als vorher."
Es gibt sicher Männer, denen aus diesem Grunde zumindest ein Teil der Vorhaut entfernt werden musste. Ob die das Bedürfnis haben, darüber öffentlich zu berichten, sei dahingestellt.
Guntermann hatte umfangreich zu dem Thema recherchiert. Am 26.12.2010 schrieb er:
Einen
Überblick über Studien zur Penisverkürzung nach
radikaler Prostatektomie gibt der
Artikel:
http://www.elsevier.es/revistas/ctl_...&revistaid=292
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20540873
Daraus
entnommen sind die nachfolgenden beiden Tabellen:
1.
Penislängen
vor Operation
|
Prä-PR |
|||||||||
|
|
Anzahl Patienten |
Durchschnittsalter |
In schlaffem Zustand |
Suprapubisches Fett |
Gestreckt |
Erigiert |
Funktional |
||
|
Länge |
Dicke |
Länge |
Länge |
Dicke |
Länge |
||||
|
Jahre |
cm |
||||||||
|
Dalkin et al27 |
39 |
– |
– |
– |
– |
12,7 (10,0–15,4) |
– |
|
|
|
Wessels et al13 |
80 |
54 (14) |
– |
– |
– |
12,45 (2,71) |
– |
– |
15,75 (2,62) |
|
Briganti et al8 |
33 |
56 |
13,2 |
11,1 |
– |
– |
16,8 |
15,6 |
– |
|
Savoie et al7 |
63 |
59 |
9,3 (2) |
9,4 (1,4) |
2,5 (0,9) |
13,5 (2,6) |
– |
– |
– |
|
Gontero et al14 |
126 |
65 |
8,59 (2,2) |
9,59 (1,23) |
– |
11,02 (2,48) |
– |
– |
– |
|
Goodwin et al39 |
81 |
59 |
9,35 (1,6) |
9,5 (0,98) |
– |
12 (1,8) |
– |
– |
– |
|
Post-PR |
|||||||||
|
|
Anzahl Patienten |
Durchschnittsalter |
In schlaffem Zustand |
Suprapubisches Fett |
Gestreckt |
Erigiert |
Funktional |
||
|
|
|
|
Länge |
Dicke |
|
Länge |
Länge |
Dicke |
Länge |
|
|
|
Jahre |
cm |
||||||
|
Dalkin et al27 |
39 |
– |
– |
– |
– |
12,3 (9,9–15,4) |
– |
– |
|
|
Wessels et al13 |
80 |
54 (14) |
8,85 (2,38) |
9,71 (1,17) |
2,85 (1,59) |
12,89 (2,91) |
12,30 (1,31) |
||
|
Briganti et al8 |
33 |
56 |
13 |
11 |
– |
– |
16,5 |
15,3 |
– |
|
Savoie et al7 |
63 |
59 |
8,1 (1,8) |
9,8 (1,2) |
2,0 (0,8) |
12,4 (2,2) |
– |
– |
– |
|
Gontero et al14 |
126 |
65 |
7,54 |
9,62 |
– |
9,49 |
– |
– |
-- |
|
Goodwin et al39 |
81 |
59 |
7,7 (1,8) |
9,7 (0,91) |
– |
9,9 (2,1) |
– |
– |
– |
|
Fraiman et al4 |
– |
60 |
12,1 |
8,7 |
– |
15,2 |
– |
11,6 |
– |
Nur die italienische
Studie von Briganti A. et
al
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17418936
hat
keine Penisverkürzung nach radikaler bilateraler nervschonender
radikaler Prostatektomie erbracht. Dies ergab sich bei der Studie
sowohl für den schlaffen als auch den erigierten Zustand. Die
Patienten waren auch nach sechs Monaten so potent wie vor der
Operation. Die Längenmaße weichen in der Briganti-Studie
äußerst deutlich von allen anderen Studien ab. Die Studie
bezieht sich auf die Ergebnisse eines einzigen Operateurs.
Alle
anderen Studien kommen zu Penisverkürzungen nach radikaler
Prostatektomie.
Savoie M. et
al
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12629384
Verkürzung
im Mittel nach Tabelle 1 und 2: 9,3 - 8,1 = 1,2 cm
Zwölf
Patienten (19 %) hatten eine Verkürzung von mehr als 15 %
der gestreckten Penislänge.
Die Verkürzung war im
schlaffen und gestreckten Zustand signifikant.
Gontero et
al
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17570431
Verkürzung
im Mittel nach Tabelle 1 und 2: 8,59 - 7,54 = 1,05 cm
Die
maximale Verkürzung wurde bei dieser Studie im Zeitpunkt des
Katheterziehens beobachtet.
Goodwin et al.
Verkürzung
nach Tabelle 1 und 2: 9,35 -7,7 = 1,65 cm
Munding MD,
Wessells HB, Dalkin
BL
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/11597540
(von
Ralf zitierte und bereits beschriebene Studie)
In der
Mehrzahl der Studien werden also Verkürzungen von 1 cm,
teilweise bis zu 2 cm, im Mittelwert beschrieben.
Wenn
Verkürzungen festgestellt werden, dann sowohl für den
schlaffen als auch für den gestreckten bzw. erigierten
Zustand.
Fraiman MC et
al
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10851312
"The
flaccid and erect measurements of length and circumference decreased
8 % and 9 % respectively after surgery"
Penislänge
und -umfang verringerten sich nach radikaler Prostatektomie sowohl
im schlaffen als auch erigierten Zustand um 8 % bzw. 9 %.
Die
wesentlichsten Veränderungen ergaben sich im Zeitraum vier bis
acht Monaten nach Operation.
"The average change in volume
between the first 4 and 8 months was 19% to 22% in the flaccid and
erect state, respectively"
Die
durchschnittliche Volumensveränderung in den ersten vier und
acht Monaten betrug 19 % bis 22 % im schlaffen und im
erigierten Zustand.
Eine
andere Studie zeigte auf, dass der Verkürzung mit dem Einsatz
einer Vakuumpumpe entgegengewirkt werden
kann:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17822466
Bei
der Studiengruppe ohne Einsatz der Vakuumpumpe betrug die
Penisverkürzung im gestreckten Zustand annähernd 2 cm,
während die Teilnehmer der Studiengruppe mit
Vakuumpumpeneinsatz keine Verkürzung hinnehmen mussten.
Gunterman schrieb am 28.12.2010 ergänzend unter dem Betreff "Nochmals zu Veränderungen in der Morphometrie des Penis nach radikaler Prostatektomie":
Um Missverständnisse zu vermeiden, nochmals eine Erläuterung der Studien zur Veränderung der Morphometrie (Gestalt, Form) des Penis nach radikaler Prostatektomie.
Die Studien erfassen im wesentlichen zwei unterschiedliche Effekte die miteinander vermischt werden. Ralf hat diese bereits ibeschrieben.
1. Verkürzung der Harnröhre bei der Prostatektomie durch Herstellung der Anastomose (siehe ausführlichere Beschreibung bei Beitrag von Ralf).
Hierbei können sich nach den aufgeführten Studien im Mittelwert Verkürzungen bis zu 1 cm ergeben. Die Messung erfolgt unmittelbar nach der Katheterentfernung. Die effektiv auftretende Verkürzung ist vom Geschick des Operateurs und der verwendeten Operationstechnik abhängig und kann natürlich auch kleiner ausfallen.
Diese Verkürzung soll nach Meinung der Mehrzahl der deutschen Urologen durch die Elastizität der Blase wieder unmittelbar ausgeglichen werden. Evidenzbasierte Studien lassen sich für diesen Zauber aber nicht auffinden. Anscheinend kann sich eine aufgetretene Verkürzung aber bei Wiedererlangung der sexuellen Funktionsfähigkeit im Laufe der Zeit wieder verringern (vgl. z. B. Gontero P. et al).
Die Verkürzung der Harnröhre durch Klammerung der Anastomose während der Operation ist spezifisch für die Prostatektomie als Therapieform.
2. Volumen- und Längenverringerungen durch Inaktivitätsatrophie der Schwellkörper in der Zeit nach Prostatektomie
Gelingt es nicht, die sexuelle Funktionsfähigkeit nach der Operation wiederzuerlangen, so kommt es im Laufe der Zeit zu einer Inaktivitätsatrophie der Schwellkörper, die wiederum zu einer Volumen- und Längenverringerung des Penis führen kann. In Verbindung mit Punkt 1 können sich dann insgesamt größere negative morphometrische Veränderungen ergeben, wie einige der zitierten Studien aufzeigen.
Ob es zu solchen Veränderungen kommt, hängt wesentlich vom Gelingen einer nervschonenden Prostatektomie ab und davon, ob die sexuelle Funktionsfährigkeit wieder erlangt werden kann, wobei auch das Alter, in dem die RP durchgeführt wird, eine Rolle spielt (vgl. Gontero P. et al).
Auch mit entsprechenden Therapiemaßnahmen (Viagra & Co, Vakuumpumpe, ....) kann der Inaktivitätsatrophie der Schwellkörper begegnet werden.
Eine Inaktivitätsatrophie der Schwellkörper und die damit verbunden negativen morphometrischen Veränderungen des Penis sind nicht nur bei der Prostatektomie anzutreffen, sondern können sich im Laufe der Zeit (ggf. später) auch bei anderen Therapieformen des Prostatakarzinoms einstellen. Dies zu wissen ist sicher wichtig für die Therapieentscheidung.