Der Extrakt aus dem
Prostatakrebs-Forum von KISP
und BPS
Nebenwirkungen
– Verlust des sexuellen Interesses unter Androgenentzug
- Kerstin
fragte am 29.6.2006:
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Ich
habe ein Problem, zu dem ich gerne ein paar außenstehende
Meinungen hören würde.
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Mein
Freund ist 53 und hat im September 05 die Diagnose PK bekommen.
Seitdem ist er operiert worden, die Beckenlympfknoten wurden
entfernt und er ist bestrahlt worden. Jetzt bekommt er diese
3-Monats-Spritzen, also den Hormonblocker. Mein Freund ist trotz
anderer Voraussagen nicht impontent geworden.
-
Dennoch
haben wir seit November vorigen Jahres keinerlei Zärtlichkeiten
mehr getauscht. Am Anfang, wollte ich nur mit ihm kuscheln. Aber er
sagt, er fühlt sich bedrängt, als müßte er als
Mann reagieren und das könne er nicht. Er hat keinerlei
Empfindungen, sagt er.
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Ich
habe versucht mit ihm zu sprechen, aber er blockt sofort ab, er
möchte, dass ich mir einen anderen Mann suche, weil er nach
seinen Worten kein Mann mehr ist. Er könnte keine Partnerschaft
mehr im klassischen Sinn führen. Er möchte, dass wir
Freunde sind. Aber ich liebe ihn, mir fällt das sehr schwer zu
akzeptieren. Ich will ja auch nicht nur Sex von ihm, mir würde
es reichen, mit ihm zu kuscheln, mich anlehnen zu können. Aber
ich glaube er hat Angst, dass ich immer nur mehr will und dadurch
zieht er sich immer mehr zurück. Er sagt, er wäre nicht
mehr er, diese Behandlung hätte ihn komplett seelisch
verändert.
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Meine
Frage:
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Was
habt ihr für Erfahrungen gemacht im Punkt Sexualität?
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Redet
Ihr mit euren Partnerinnen?
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Fühlt
man wirklich überhaupt nichts wegen der Hormonblocker?
-
Liegt
es vielleicht an mir?
- Ich
bin ziemlich hilflos, weil der einzige Mensch, der mir auf diese
Fragen seine ehrlichen Antworten geben könnte, in einem
seelischen Tief ist.
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Dx:
2000/12; bPSA 34; (2000/11); T2bNOM1; GS (4+3).
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Hansjörg
antwortete am selbenTag:
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ich werde versuchen Ihre Fragen vom Ende her
zu beantworten:
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1.) Es liegt garantiert nicht an Ihnen!
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Ich selbst habe elf Monate lang einer
zweifache Hormonblockade gemacht, und mein sexuelles Interesse ist
auf Null gegangen. Ich habe mich sogar in dieser Zeit vor
freizügigen sexuellen Darstellungen in den Medien geekelt.
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Ihr Partner wird durch die Hormonblockade
chemisch kastriert, und seine derzeitigen Reaktionen haben m. E.
überhaupt nichts mit den Gefühlen für Sie zu tun.
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Wobei jeder Mensch unter der Hormonblockade
anders reagiert. Ich kenne Erzählungen von Betroffenen, die
sogar Geschlechtsverkehr während der Hormonblockade hatten
(große Ausnahme!), andere sprechen von einem stärkeren
Zärtlichkeitsbedürfnis, die meisten wenden sich aber auf
Grund des fehlenden Geschlechtstriebes von Ihren Partnern ab.
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Hier kann ich nur den Rat geben, über den
Verstand die Zuwendung zur Partnerin trotz Blockade zu suchen, was
aber nicht so einfach zu sein scheint.
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2. Redet Ihr mit Euren Partnerinnen?
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Obwohl ich in meinen Vorträgen zur
Sexualität immer den Rat gebe, das Gespräch mit dem
Partner zu suchen, muss ich zugegeben, dass mir das in meiner
Partnerschaft auch nicht immer leicht fällt. Dazu sollte ich
erwähnen, dass ich radikal operiert bin und dadurch an einer
erektilen Dysfunktion (fehlende Gliedversteifung) leide.
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3. Fühlt man überhaupt nichts
wegen der Hormonblocker?
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Bei mir war das so. Nach ca. drei bis fünf
Monaten war der Geschlechtstrieb völlig weg und kam auch erst
nach drei bis fünf Monaten nach dem Absetzen der Hormonblockade
wieder.
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Allerdings habe ich diese Zeit ohne
Sexualtrieb auch schätzen gelernt. Man(n) ist ja durch den
Sexualtrieb auch getrieben, und dieser Druck war in dieser Zeit weg.
Obwohl ich natürlich meine jetzige Zeit ohne
Hormonblockade und mit Geschlechtstrieb wieder genieße.
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Interessanterweise habe ich eine an Brustkrebs
operierte Frau kennengelertn, die die gleiche Erfahrung (übrigens
auch mit dem gleichen Präparat, der gleichen Spritze) in der
Zeit ihrer Hormonblockade gemacht hatte.
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Carola-Elke,
ebenfalls am 29.6.2006:
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zumindest
versucht er eine Erklärung zu finden - das ist schon mal etwas.
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Da
ich genauso alt bin wie du und beinahe dieselben schlechten
Erfahrungen mit einem damals 47-jährigen Freund machen musste,
kann ich nachempfinden, wie sehr du an Selbstzweifeln leidest.
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Liegt
es an unserer Generation? Ich weiss es nicht.
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Jedenfalls
ist es sehr verletzend, wenn frau sich anhören muss. "suche
dir einen neuen Partner" und jede Form der vorher erlebten
Zärtlichkeiten mit einem mal nicht mehr erwidert wird. Gib die
Schuld dafür bloss nicht dir!
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Entweder
man zieht als Frau daraus die Konsequenzen oder der Partner reagiert
bald doch noch aufgeschlossener, d.h. er krabbelt aus seinem
Schneckenhaus wieder heraus.
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Das
hängt alles von seinem Charakter oder Selbstbild ab und ich
möchte nichts verallgemeinern, aber wir Frauen werden einen
Mann, der so gestrickt ist, nicht fundamental verändern können
- das ist vergebene Liebesmüh.
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Diese
Männer haben u.a. ein starkes Selbstwertproblem,
Beziehungsängste, Zukunftsängste und außerdem die
Krebsdiagnose nicht verarbeitet - das hat nichts mit der
Hormonblockade zu tun.
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Eine
Prognose kann man auf die Schnelle und Ferne nicht abgeben, doch
meine ich, die gesagten Worte des Freundes sollte frau ernst nehmen
und nicht einfach nur ignorieren, in der Hoffnung, ihn dadurch nicht
zu verlieren.
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Zu
einer intakten Beziehung gehören immer zwei Menschen, die
aneinander interessiert sind, und wenn einer von ihnen krank wird,
entschuldigt das sein mangelndes Engagement auf dieser Ebene nicht
grundsätzlich.
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Auf
mich macht das einen teilweise sehr hilflosen wie auch egoistischen
Eindruck, über den ihr ernsthaft, offen und in Ruhe sprechen
solltet.
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Es
geht nicht an, dass er dich aus seiner Gefühlswelt und seiner
Zukunftsplanung ausschließt - oder bestenfalls in einer
distanzierten Warteposition schmoren lässt.
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Daran
sollte sich unbedingt in absehbarer Zeit etwas zum Positiven
verändern!
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kalloc, ebenfalls
am selben Tag:
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"Leben
vor Liebe", "Sexualität spielt sich vor allem im Kopf
ab", "was wollen Sie? Ich denke Sie sind nervschonend
operiert worden". Mit solchen und ähnlichen Sprüchen
wurde ich von meinen Urologen abgespeist, als ich nach meiner
Diagnose und nach meiner RP das Gespräch auf die Aussichten auf
ein zukünftiges Liebesleben brachte. Hätte ich mich nicht
bei Betroffenen informiert, wer weiß, vielleicht hätte
ich jede Therapie abgelehnt oder wäre ebenfalls in Depressionen
versunken. Für mich zählt das Schweigen zu diesem Bereich
zu den ärztlichen Kunstfehlern, aber für ein Gespräch
sind Ärzte leider oft nicht ausgebildet, charakterlich nicht in
der Lage oder glauben schlicht keine Zeit zu haben.
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Ich hatte also erfahren, dass nach der RP
Libido und Orgasmusfähigkeit auch ohne funktionierende Erektion
erhalten bleiben, habe diesen Askept mit meiner Frau besprochen und
wir haben uns gemeinsam für die Therapie entschieden. Die
Funktionen von Händen, Lippen und Zunge blieben durch die OP
unbeeinflusst und wir genießen unsere Sexualität heute,
auch unter dem Eindruck der lebensbedrohenden Krankheit, vielleicht
intensiver als zuvor. Natürlich ist mein Orgasmus anders,
vielleicht weiblicher, als vorher und natürlich hoffe ich, dass
ich irgendwann wieder zu einer Erektion kommen kann. Da fehlt schon
etwas, aber für uns beide scheint das nicht so existentiell zu
sein. Soviel zum Zustand nach der RP. Ich hatte keine Hormonblockade
und weiß daher nicht, wie es einem geht, wenn die Libido weg
ist. Im Gegensatz zur Orchiektomie ist
die Hormonblockade jedoch eine vorübergehende Sache, und wie
Hansjörg schreibt, kommt das Interesse danach wieder. Frauen
sind mit zyklusbedingten hormonellen Schwankungen und dem damit
einhergehenden schwankenden sexuellen Interesse vertraut. Für
Männer, die gewohnt sind, ständig in Habachtstellung zu
sein, ist der Verlust der Appetenz eine identitätsbedrohende
Sache, die nur schwer zu verarbeiten ist. Natürlich hat Mann,
der nicht mehr kann, auch ein unterbewusstes Schuldgefühl, der
Partnerin nicht mehr geben zu können, was ihr zusteht.
Vielleicht kommt daher der Spruch, dass Du Dir einen anderen Kerl
suchen sollst. Wahrscheinlich glaubt er wirklich, dass er sich Dir
gegenüber großzügig verhält, wobei er
wahrscheinlich genau weiß, dass Du der Halt bist, den er in
seiner (verzweifelten) Lage nicht entbehren kann. Dass Dich solches
Sprüche kränken, solltest Du ihm deutlich machen. Dass Du
mit ihm diese schlimme Zeit gemeinsam durchstehen willst, ebenfalls.
Er möchte, dass Ihr Freunde bleibt? Vielleicht keine schlechte
Idee darauf einzugehen, schöne Dinge gemeinsam zu tun, Euch
durch gemeinsame Erlebnisse und Aktivitäten aus dem gemeinsamen
Tief zu holen. Bei allem Verständnis für seine Situation
solltest Du ihm jedoch Grenzen setzten, was Deine Leidensfähigkeit
angeht!
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Ich
wünsche Euch, dass Ihr bald wieder miteinander reden könnt
(oder dass Du jemanden findest, vielleicht seinen Arzt, der ihm
klarmacht, dass die Lage zwar heikel aber nicht aussichtslos ist).
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Kerstin
antwortete am 1.7.2006 auf Carola-Elkes Beitrag:
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ich
hab mich sehr gefreut, dass sich eine leider auch betroffene Frau
meldet.
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Genau
um mich nicht als Notnagel aufzuheben, machte er mir den
Vorschlag, dass wir nur noch Freunde sind und etwas zusammen
unternehmen, aber keine Partnerschaft mehr haben. Er zieht das auch
durch. Manchmal bekomme ich so einen kleinen Hoffnungsschimmer, ein
Wort von ihm, an dem ich mich hochziehe. Beispielsweise küsste
er mich nach Wochen das erste mal wieder liebevoll, also nicht wie
sonst, als wäre ich seine Schwester. Ich dachte, dass es
endlich besser wird, wir uns wieder näher kommen könnten...
das ist inzwischen schon wieder vier Wochen her, seitdem gibt es
wieder die sparsamen flüchtigen Küsschen.
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Ich
frage mich, was will ich und was verlange ich??? Er hat es deutlich
gesagt, was er möchte und was er eben nicht möchte.
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Ich
liebe ihn einfach zu sehr, ich habe Probleme damit es hinzunehmen,
wie es ist.
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Aber
da kann mir keiner helfen.
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Wenn
ich wüsste, was er denkt, das wäre gut. Aber das geht auch
nicht. Frauen machen sich eh immer zu viel einen Kopf, denken zu
weit nach vorn. Das tun Männer nicht.