Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

Nebenwirkungen – Brustvergrößerung ("Gynäkomastie")

[Bei einer antihormonellen Behandlung stellt sich häufig ein – bisweilen schmerzhaftes – Wachstum der männlichen Brüste ein, "Gynäkomastie" (~ "Frauenbrustsyndrom") genannt. Besonders ausgeprägt soll sie bei der Monotherapie mit dem Wirkstoff Bicalutamid sein, weniger stark bei einer Kombinationstherapie wie der "maximalen Androgendeprivation", der Kombination von Bicalutamid mit einem LHRH-Analogon oder einem GnRH-Antagonisten wie Abarelix oder Degarelix sowie bei der Dreifachen Hormonblockade.
Der Grund für dieses Wachstum besteht darin, dass auch im männlichen Körper in individuell unterschiedlichen, insgesamt aber sehr niedrigen Mengen weibliche Sexualhormone wie Östrogen im Blut nachweisbar sind, die von einer Blockade der Testosteronrezeptoren oder einem Unterdrücken der Testosteronproduktion nicht betroffen sind und darum in den auch beim Mann rudimentär vorhandenen Brustdrüsen das Übergewicht gegenüber den männlichen Sexualhormonen bekommen und die Drüsen zum Wachstum anregen.
Die übliche Vorbeugung gegen eine Gynäkomastie bei einer Bicalutamid-Monotherapie oder auch einer Kombitherapie ist ein gering dosiertes Bestrahlen der Brustdrüsen, seltener deren operatives Entfernen. Diese Behandlung muss gleich zu Beginn der antihormonellen Behandlung geschehen. Hat das Brustwachstum erst einmal eingesetzt, ist es auch durch diese Maßnahmen nicht mehr rückgängig zu machen.
Ed]

Hans fragte am 24.5.2004:
Ernst (aus unserer SHG) hat seit 2 Mon. die DHB nach 13 Monaten beendet. Schon während der Therapie hatte er Spannungsschmerzen an einer Brust. Dies hat sich nach der Behandlung sehr gesteigert. Er hat das Gefühl, so wie er sagt: "Da ist was drin". Ernst ist sehr beunruhigt und macht sich große Sorgen. Er hat mich gebeten, sein Problem ins Forum zu stellen. Was würdet ihr raten ??
Bernt antwortete am selben Tag:
Ich hatte ähnliche Probleme. Ich habe mir die Brustdrüsen operativ entfernen lassen. Das ging in örtlicher Betäubung, nur eine Nacht Klinikaufenthalt, kaum Schmerzen, kein Narkoserisiko. Die Brustwarzen bleiben erhalten. Von dem Eingriff ist hinterher nichts zu sehen, die Schmerzen und die Schwellung sind auf Dauer weg. Bestrahlung bringt nichts, wenn die Brustdrüse bereits vergrössert ist. Die Operation hat bei mir ein Hautarzt durchgeführt.
Und Jürg schrieb, ebenfalls am selben Tag:
Spannungsgefühle und Schmerzen in der Brust treten oft bei der Behandlung mit Antiandrogenen auf, insbesondere bei Casodex. Gefährlich sind sie nicht, aber sie können lästig sein. Auf jeden Fall sollte sich Ernst keine Sorgen machen. Immerhin: Wenn sich das Problem akzuentiert, dann wäre ein Gespräch mit dem Urologen sinnvoll oder, wenn die von Bernt vorgeschlagene Lösung in Frage kommt, ein Besuch beim Hautarzt.

Uli fragte am 1.8.2004:
Nehme seit über zwei Jahren Casodex 50. Meine Brust hat sich dabei mit gleichzeitiger Druckempfindlichkeit stark vergrößert.
Seit Mai 04 bekomme ich außerdem die Enantone-Depotspritze und leide auch unter den wohl üblichen Hitzewallungen. Die Einnahme von 600 mg Vitamin E und 200 µg Selen (seit 14 Tagen) sollten dem entgegenwirken, zeigen bei mir jedoch keine Wirkung. Nun hab ich bei meinen Urologen mal das Thema Progesteron bzw. Depotspritze Provera angeschnitten. Er sagte, dass ich dann mit einer noch stärkeren Brustvergößerung rechnen müsste. Ist das so? Sind diese Nebenwirkungen bekannt?
Urologe fs antwortete einen Tag später:
Progesteron setzt man nicht mehr gerne gegen die Hitzewallung ein, weil 1. Brustvergrößerung und 2. Hinweise, dass PK wächst.
Gegen die Hitzewallungen empfehle ich, 2 x 1 Remifemin plus zu probieren. Wegen der Brustvergrößerung evtl. Bestrahlung erwägen.
Ralf schrieb hierzu am selben Tag:
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Bestrahlung noch etwas bringt, wenn die Brustvergrößerung bereits eingetreten ist. [Folgt ein Verweis auf Bernts oben stehenden Beitrag].
Wil, der studierter Physiker war und wohl auch das Problem der Brustvergrößerung kennenlernte, hat sich einmal ausgerechnet, wieviel von der Bestrahlung seine Lunge noch abbekommen würde. Er hat daraufhin von einer Bestrahlung fluchtartig Abstand genommen.
Urologe fs antwortete darauf:
Die Bestrahlung sind nur 6 Gy. Sie machen die Brust nicht kleiner, aber die Schmerzen sind danach weg.
... und bevor ich monatelang Pravidel oder Tamoxifen nehme ... es ist immer ein Abwägen der Vor- und Nachteile dabei.

Michael A. schrieb am 3.8.2003:
Ich mache seit Okt 03 die DHB (Trenantone, 150 mg Casodex, Proscar). Habe bis jetzt überhaupt noch keine Veränderung an der Brust festgestellt. Anscheinend ist es so, dass eine Monobehandlung nur mit Casodex die Brust stärker wachsen lässt.
Uli schrieb am selben Tag:
ca. 3 Monate nach der RPE habe ich, weil der PSA-Wert auch unter Casodex 50 erneut anstieg, eine Bestrahlung = 30 Einheiten bekommen. Dabei wurde auch einmalig die Brust bestrahlt. Es entstand darauf hin eine Rötung des bestrahlten Brustbereiches. Jetzt zwei Jahre danach muss ich sagen, obwohl man mir bei der Bestrahlung sagte "da wächst jetzt nichts mehr", es hat bei mir keinen, oder wenig Erfolg gehabt. Die Brust ist unnormal groß geworden (mit stechendem Schmerz bei Druck) und es belastet mich in der Öffentlichkeit doch etwas. Jetzt, nachdem ich Enantone-Depotspritze bekomme, ist diese Druckempfindlichkeit verschwunden. Evtl. ist die Wirkung aber auch unterschiedlich.

Urologe fs gab am 4.8.2004 die folgende allgemeine Erläuterung zu der Problematik ab:
die Gynäkomastie (Brustvergößerung) ist eine typische Nebenwirkung der Antiandrogene. Da Testosteron im Blut noch vorhanden ist, aber der Hauptstoffwechselweg blockiert ist, wird es vermehrt über andere Wege zu Östrogenen abgebaut. Daher das Brustwachstum. (Gleiches gilt natürlich auch, wenn man dierekt Östrogene einsetzt).
Die Bestrahlung wirkt NUR PROPHYLAKTISCH gegeben gegen die Vergößerung ca. 6 Gy. Gegen die Schmerzen geht man durchaus höher, 16 Gy, auch bei schon bestehender Gynäkomastie.
Alternativ kann man(n) Tamoxifen - ein Antiöstrogen - nehmen.
Wie man auch hier im Forum sieht, gibt es aber große Variationen der Empfindlichkeit der männlichen Brustdrüsen, deshalb ist eine generelle Empfehlung schwer.
Aber aus meiner eigenen täglichen Erfahrung kann ich sagen, dass die FRÜHZEITIGE prophylaktische Bestrahlung in aller Regel schnell (drei Tage), unkompliziert (seltenst Nebenwirkungen gesehen bei der geringen Dosis) und doch meistens effektiv ist.
Halbherzige, unterdosierte, zu späte Bestrahlungen werfen ein ungünstiges Licht auf diese Therapie.
Reinardo schrieb am selben Tag:
ich habe nach Abschluss der DHB auch ein Brustwachstum, das objektiv zwar nicht so schlimm ist, aber mich psychisch so sehr stört, dass ich am Strand und gegenüber Frauen den Oberkörper bedeckt halte. Mein Sohn ist Chirurg und empfiehlt (wie alle Chirurgen) die operative Entfernung der Brustdrüse und Verkleinerung, und ich finde im BPS-Archiv Nr. 1 6.7.2001 Bernd auch einen guten Op-Tipp (Lokalbetäubung, ein Tag stationär). Er sieht (auch wie alle Chirurgen) da kein Problem, lediglich in Bezug auf die Kostenübernahne durch die Kasse. Diesbezüglich habe ich eine Rückfrage laufen.
Zum letzten Punkt schrieb Urologe fs:
eigentlich sollte die Kostenübernahme überhaupt kein Problem sein. Der einweisende Urologe muss nur geschickt begründen.

Paul berichtete am 6.8.2004:
hier meine Erfahrung zum Thema Brustvergrößerung:
Bei der einfachen HB bekam ich eine geringe Brustvergrößerung, ärgerlich aber schmerzlos.
Nach einem Jahr HB wollte ich auf Casodex umsteigen. Im Forum hatte ich gelesen: Vor Casodex unbedingt bestrahlen lassen. Also gut. Ich bekam in 10 Sitzungen 20 Gy verpasst. Dann erst fing ich mit 150mg Casodex pro Tag an. Erst jetzt bekam ich einen wirklich hübschen Busen, der leider auch ziemlich weh tat. Also wieder ins Krankenhaus, mich operieren zu lassen. Die wollten aber nicht. Durch die Bestrahlung sei das Gewebe vernarbt und nur schwierig, vielleicht nicht ohne Komplikation, zu entfernen. Jetzt lasse ichs erst mal. Natürlich habe ich eine neue Sorge. Durch die nutzlos erfolgte Bestrahlung besteht vermutlich ein erhöhtes Brustkrebs-Risiko.
Meine Lehre für die Anfänger:
1. Vor Beginn von HB oder Casodex immer eine Bestrahlung oder Brust-OP durchführen lassen.
2. Keine Bestrahlung machen, wenn die Brust bereits angeschwollen ist.

Dieter V schrieb am 19.4.2005:
Eine interessante Information für alle, die Probleme mit Brustwachstum unter / nach Hormonblockade-Therapie haben. Ich würde mich nicht bestrahlen lassen! Schließlich sagte schon unser seliger Wil: "da drunter ist ja mein Herz!" und stand auf und verließ die Strahlenklinik...
DEUTSCHES ÄRZTEBLATT: 15.04.2005
M E D I Z I N
Tamoxifen schützt vor Gynäkomastie nach antiandrogener Therapie
LONDON. Bei einer antiandrogenen Medikation zur Behandlung eines Prostatakarzinoms entwickeln die Patienten häufig eine Gynäkomastie. Sisto Perdonà und Mitarbeiter vom nationalen Tumorinstitut in Neapel, Italien, haben in einer randomisierten Studie untersucht, ob die Gabe von Tamoxifen oder eine Bestrahlung der Brust die Entwicklung einer Gynäkomastie nach antiandrogener Therapie wirkungsvoller verhindert. Wie die Autoren in einem vorab online veröffentlichten Artikel im Lancet Oncology mitteilen, reduzierte Tamoxifen eine Gynäkomastie und Brustschmerzen am wirksamsten.
151 Patienten mit Prostatakrebs erhielten täglich 150 mg Bicalutamid. Sie wurden in drei Gruppen randomisiert, am ersten Behandlungstag mit 12 Gy bestrahlt oder täglich mit 10 mg Tamoxifen für 24 Wochen behandelt. Die dritte Gruppe diente als Kontrolle. Hier entwickelten 35 der 51 Männer eine Gynäkomastie, im Vergleich zu 17 nach der Bestrahlung und vier aus der Tamoxifengruppe. Wenn sich eine Gynäkomastie entwickelte, war sie in den meisten Fällen mit Schmerzen verbunden.
Die Patienten aus der Kontrollgruppe wurden anschließend auch mit Tamoxifen therapiert. Dies führte ebenfalls zu einer signifikanten Besserung der Symptomatik. Die Kombinationsbehandlung mit Tamoxifen verschlechterte nicht die Lebensqualität. Ob diese Behandlungsmodalität die Überlebensrate beeinflusst, kann anhand dieser Arbeit nicht geschlossen werden. /me
Links zum Thema:
Der Beitrag im Lancet [eine angesehene britische medizinische Zeitschrift – Ed]: http://image.thelancet.com/extras/05oncf221web.pdf.
© Deutscher Ärzte-Verlag

erpa schrieb am 21.9.2006:
Ich hatte die Frage gestellt wegen meines merkwürdigen Brustwachtums in der Pause der ADT3 unter Beibehaltung von Proscar. Ich hatte das Proscar in Verdacht.
Inzwischen glaube ich, kann ich die Frage selbst beantworten. Das Brustwachtum und die Schmerzen in den Brustspitzen verursachte nicht das Proscar, sondern der zwischenzeitlich zur Blutdrucksenkung verordnete ACE-Hemmer Ramipril! Die Brustbeschwerden gingen sofort nach Absetzen des Ramiprils zurück.
adam 60 fragte am 22.11.2013:
Nehme das Medikament [gemeint ist Bicalutamid – Ed] jetzt schon drei Monate,meine ein leichtes Brustwachstum festzustellen. Wird das Wachstum die nächsten vier Monate weitergehen? Und welche Auswirkung hat die Bestrahlung der Brust auf Die Sensitivität der Brustwarzen?
Hvielemi antwortete am selben Tag:
Die Bestrahlung der Brust mit ELEKTRONEN, niemals Photonen, hat im Allgemeinen überhaupt keine Nebenwirkungen. Sie hat in meinem Fall ein Brustwachstum unterbunden. Die Sache ist in drei oder vier Sitzungen erledigt.