Der Extrakt aus dem Prostatakrebs-Forum von KISP und BPS

    Ärzte – Die Praxis in den Praxen

Carola-Elke schrieb am 27.5.2007 zu einer diesbezüglichen Diskussion:
Der vertragsärztlich tätige niedergelassene Kassenarzt kann seine Preise für eine „bessere Leistung“ nicht ohne weiteres erhöhen und damit mehr verdienen als ein Kollege, der schlechter Leistungen anbietet oder praktiziert – wer sollte das beurteilen, wenn es keinen einheitlichen Bewertungsmaßstab gibt und der subjektive Patienteneindruck entscheidend ist, bei wem sich ein Patient besser aufgehoben fühlt?
Egal welche Leistung ein Arzt als Vertragsarzt anbietet, sie wird immer gleich gut oder schlecht vergütet, wenn sie mit der Krankenkasse abgerechnet wird und dem Honorarsystem der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) unterliegt.
Z. Zt. sieht es Dank drohenden und bereits in einigen Regionen bestehenden Ärztemangels eher so aus, als dass jede Praxis bis an die Grenzen ausgelastet ist. Über mangelnde Beschäftigung kann sich auch der schlechteste niedergelassene Arzt nicht beschweren.
Viele Ärzte schließen drei Wochen vor Quartalsende ihre Tür ab und behandeln nicht mehr, weil ihr Budget ausgereizt ist und die Tätigkeit von den Kassen nicht honoriert wird. Vielen, die nicht ökonomisch denken, drohen schlimmsten Falls Regressforderungen, d. h. ihr Honorar wird rückwirkend gekürzt. Das alles ist Bürokratie pur und hat mit unternehmerischem Denken, wie bei anderen selbstständigen Berufen üblich, nichts zu tun.
Es gibt im Honorarsystem der Kassenärzte Praxis-, Leistungs- und Medikamentenbudgets, die dem vertragsärztlich tätigen Mediziner von der KBV im Rahmen von Punktwerten und den Vergütungen seitens der Krankenkassen auferlegt werden. Mit der Abgabe seiner Abrechnung erfährt der Arzt ca. ein halbes Jahr danach von der KBV, wie hoch sein Punktwert für das aktuell abgerechnete Quartal und somit sein Honorar ist.
Zum wirtschaftlich und ökonomisch gewinnorientierten Arbeiten braucht man aber aktuelle Zahlenwerte, um mittel- und langfristige Investitionen zu planen. Davon sind niedergelassene Ärzte weit entfernt.
Das Medizinstudium vermittelt dem angehenden Arzt zudem keinerlei betriebswirtschaftliches Grundwissen, obwohl er es im späteren Praxisalltag dringend benötigte.
Mit der Approbation nach dem zweiten Staatsexamen erwirbt der Mediziner über die Ärztekammer zuerst einmal das Recht, „nach bestem Wissen und Gewissen“ ärztlich tätig zu werden – nicht zu verwechseln mit der Kassenzulassung, die er als Niederlassungswilliger extra bei der KVB beantragen muss.
Zuvor benötigt der examinierte Mediziner jahrelange zusätzliche Facharztausbildungen an Krankenhäusern oder in existierenden Praxen, die Weiterbildungsberechtigungen besitzen, und erwirbt seine Facharztbezeichnung.
Meistens besteht danach der Wunsch sich niederzulassen, und es beginnt die eigentliche Bürokratie.
Wenn es so weitergeht, wird sich die neue Generation der Ärzteschaft zunehmend fragen, ob sie sich die ständige Auseinandersetzung mit ständig neuen Vorschriften und niedrigen Honoraren über das vertragsärztliche Kassensystem überhaupt noch antun möchte, oder sich nicht gleich ins Ausland absetzt oder in Deutschland auf rein privatärztlicher Basis abrechnet.
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In ländlichen Regionen dürfte es schwierig sein, gänzlich auf Kassenpatienten zu verzichten, in den Großstädten sehe ich heute schon eine Menge niedergelassene Fachärzte im Telefonbuch, die reine Privatpraxen unterhalten.
Mischformen dürften diejenigen Ärzte praktizieren, die sehr viele IGeL-Leistungen anbieten und abrechnen können.
Gemeinschaftspraxen oder Praxisgemeinschaften, die sich oft in Ärztezentren zu dem Zweck zusammenschließen ihre Budgets zu vergrößern, sind tendenziell das, was uns Patienten in Zukunft erwartet.
Es werden zunehmend ambulante Praxiskliniken aufmachen, die den Ambulanzen der großen Häuser Konkurrenz machen – wie Ulla Schmidt mit der neuesten Gesundheitsreform politisch einläutet, soll die ambulante Versorgung in Krankenhäusern mit den bestehenden Praxen zukünftig verstärkt konkurrieren und besser abrechnen dürfen.
Die Politik beabsichtigt also eindeutig, die Einzelarztpraxis zunehmend zurückzudrängen.
Die Hausärzte sind inzwischen schon landauf, landab überaltert, wie die KVBayern kürzlich mitteilte. http://www.kvb.de/servlet/PB/menu/1109829/index.html und an potentiellen Nachfolgern fehlt es – das ist das Problem, das in diesem Zusammenhang die von Knut erwähnte gesellschaftliche Überalterung mit sich bringt.
Eine gewisse Sonderstellung nehmen die wenigen Klinikärzten ein, die in Krankenhäusern oder an der Universität eine Karriere hinlegen, und über die der Großteil der innovativen Therapieansätze zum Wohle der Patienten ausgeht.